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[GM] Die Ruinen der Festung Asu'a
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24.05.2003, 10:36 #1
Arson
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[GM] Die Ruinen der Festung Asu'a
Knirschend grub der Kiel des kleinen Beibootes sich in den kiesigen Steinstrand, rutschte, getrieben von der Kraft der Wellen, schabend noch einige Zentimeter vorwärts, kam dann mit einem Ruck zum Stillstand.
"Alle Mann von Bord!"
Arson packte seinen Rucksack, trat mit dem rechten Fuß auf eine der Sitzbänke, um seinen gepanzerten Leib dann mit einem schnellen Satz über den Bootsrand zu befördern. Patschend landeten die schweren Kampfstiefel im seichten Wasser, spritzten feine Gischttropfen gegen die silbrig glänzenden Beinschienen. Mit mißtrauisch zusammengekniffenen Augen musterte der junge Paladin die neue Umgebung.
"Das ist also Asu'a."
Nun, gefährlich sah es hier nicht wirklich aus. Die schmale Halbinsel, auf der die Ruinen der alten Sithifestung zu finden waren, wurde fast vollständig von dichtem Mischwald überwuchert, in dessen grüner Mitte sich ein gewaltiger Berg fast senkrecht in die Höhe schraubte. Selbst hier, in Strandnähe, konnte Arson die weitläufige Ebene sehen, die die Spitze des Felses bildete. Die Überreste schlanker, elfenbeinfarbener Türme reckte sich von dort in den Himmel, ihre zackigen Spitzen bildeten einen scharfen Kontrast zur ihrer sanft geschwungenen Bauform, vermittelten so nur eine ansatzweise Vorstellung von der einstigen Pracht der Sithifeste.
"Hoho, da hat König Elvrit aber ganze Arbeit geleistet." Mit einem Ausdruck milder Überraschung wandte Arson den Kopf. Er hatte nicht bemerkt, dass sein Ordensbruder Einskaldir neben ihn getreten war, und den mächtigen Berg mit einer Art stolzer Zufriedenheit musterte.
"Man sagt dass diese ganze Insel früher eine einzige Stadt gewesen sein, und die Festung auf der Spitze des Berges nur eine Art Tempel. Die Rimmersmänner haben das alles hier..." Der Nordmann ließ die Hand schweifen. "...der Menschheit zurückgegeben."
-"Nun, die Menschen scheinen es nicht zu benötigen. Der Wald scheint mir recht unberührt."
Der Rimmersmann nickte, wenn auch leicht widerstrebend.
"Aye, dennoch müssen sie sich nicht weiter vor diesem Landstrich fürchten. Von hier aus fallen keine Sithidämonen mehr in unser Reich ein."
Der junge Paladin blieb seinem hünenhaften Kameraden eine Antwort schuldig. Er zog es vor, über dieses Thema nicht weiter zu diskutieren, da ein Streit über den Wert einer ausgestorbenen Art von Lebewesen das letzte war, das die heiligen Krieger jetzt gebrauchen konnten.
"Wir sollten ein Basislager hier am Strand errichten. Wir wollen ja nicht dass uns jemand unser Beiboot stiehlt, denn sonst würde es beträchtliche Schwierigkeiten bei der Rückkehr zur Stern von Wrodalia geben." Arson wandte sich um. Hinter ihm, viele tausend Meter jenseits des Strandes, schaukelte der dunkle Schemen des großen Handelsschiffes, mit dem die Recken zu dieser Halbinsel gesegelt waren. Der Kapitän hatte ihnen erklärt, dass das Seegefährt nicht näher an Asu'a heranfahren könnte, da die Küstengegend des Eilands umgeben von einem tückischen Gürtel aus Riffen und Untiefen sei. Notgedrungen hatten sich die Streiter Innos' also in eines der Beiboote gesetzt und waren bis hierher gerudert. Sollte ihnen dieses Boot abhanden kommen, hätten sie ernste Probleme, da eine Kommunikation mit der Stern von Wrodalia auf diese Entfernung unmöglich war.
"Du hast Recht, Einskaldir. Nimm du das in die Hand, ich lasse dir fünf Soldaten hier, die übrigen fünf werden mich begleiten."
Das Gesicht des Nordmanns öffnete sich zu einem Ausdruck der Überraschung.
"Du willst doch nicht ohne mich zu den Ruinen aufbrechen?"
-"Bruder..." Der junge Paladin fasste den Hünen bei den Schultern und sah ihm fest in die Augen. "...es ist wichtig, dass zumindest einer von uns lebend wieder zu Sludig zurückkehrt. Zumindest einer muss über die Ergebnisse unserer Nachforschungen zu berichten wissen."
Einskaldir sah garnicht glücklich aus, als er die Worte seines Freundes vernahm.
"Und wieso bleibst du dann nicht hier? Ich könnte genau so gut..."
-"Nein, das könntest du nicht." Arson schüttelte den Kopf. "Du bist gänzlich unbewandert in der Magie unseres Gottes, wogegen ich sie meisterlich beherrsche. Sollten sich doch noch dämonische Restenergien in diesen alten Gemäuern aufhalten, so kann ich sie erfolgreicher bekämpfen als du es vermagst. Vertrau mir, Kamerad, es wird schon alles gut gehen."
Im Gesicht des Nordmannes arbeitete es. Schließlich stieß er einen langen, tiefen Seufzer aus.
"Nun gut, mein Freund, da du der Herr Paladin bist werde ich deiner Geistesschärfe vertrauen. Ich werde hier für die Dauer eines Monats ausharren und auf deine Rückkehr warten. Bist du bis dahin noch nicht zurück, werde ich nach Gorthar zurückkehren."
-"Das ist eine angemessene Zeitspanne." Arson prüfte den Sitz seiner Rüstung, stülpte sich dann den Helm über den Kopf und gürtete seine Zweihandklinge. Als er den Rimmersmann erneut anblickte, hatte sich ein zuversichtliches Lächeln auf die jungen Züge geschlichen.
"Sei unbesorgt, ich komme wieder."
-"Ich nehme dich beim Wort, Bruder." Einskaldir grinste schief. "Du schuldest mir noch einige Krüge Bier."
Die beiden Krieger lachten, ein befreiender Laut. Die Hände wurden geschüttelt, dann wählte Arson fünf der gorthanischen Soldaten aus und befahl ihnen, ihm zu folgen. Gemeinsam machten sie sich auf, verließen den kiesigen Strandboden, hielten entschlossen auf die dunkle Baumreihe der ersten Waldausläufer zu. Ihr Ziel war die Bergspitze, jenes felsiges Massiv, dessen gesichtslose Augen schon jetzt spöttisch auf die handvoll Menschen herniederschaute, die es da wagten, sich auf den Weg zu seiner elfenbeinfarbenen Krone zu machen. Innos allein wusste, ob die Antworten, die sie dort finden würden, ihnen helfen würden, oder sie nur weiter in die Schlucht der Verzweiflung stürzten, ein weiterer Nagel im gewaltigen Sarg des myrthanischen Volkes...
24.05.2003, 15:06 #2
Arson
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Mit einem trockenen Knacken brachen die vertrockneten Äste unter den schweren Sohlen der beschlagenen Kampfstiefeln, Laub raschelte und Blätter wogten, wen Vögel, Hörnchen oder sonstiges Kleingetier die Flucht vor den sechs bewaffneten Recken ergriff, die sich ihren Weg durch das Dickicht des Waldes bahnten, die Marschroute schnurgerade auf das gewaltiger Felsmassiv im Zentrum der Halbinsel ausgerichtet. Die Stimmung war gelöst, die Soldaten unterhielten sich mit der gelassenen Ruhe von Menschen, die sich keiner Gefahr bewusst sind. Auch Arson war überrascht von dem allumfassenden Frieden, der in diesem ausgedehnten Waldstück herrschte. Hatte er verborgene Fallen, hinterhältige Banditenhorden oder bizarre Monster befürchtet, so war seine Sorge unbegründet gewesen. Hier schien es nichts zu geben ausser großen Bäumen, grünem Blattwerk und kleinem Getier. Als sich das Dickicht schließlich lichtete, und die Kämpfer am Fuße einer breiten, in den Stein gehauenen Wendeltreppe stand, welche sich in weiten Spiralen um den Berg wandte, ergriff eine seltsame Beklemmung von der Gruppe Besitz. Nur zögernd setzten die Streiter die Füße auf die erste der moosüberwucherten Granitstufen, war man sich doch bewusst, nun die Überreste einer Feste zu betreten, die schon gefallen war bevor die eigenen Urgroßeltern auch nur geboren waren.
"Kommt, Soldaten, machen wir uns an den Aufstieg."
Arson bemühte sich um eine feste Stimme, konnte ein beeindrucktes Zittern jedoch nicht unterbinden. Auch ihn ließ die Erinnerung an die alten Legenden nicht kalt, fast schien es ihm, als trete er eine Reise in die Vergangenheit selbst an. Langsam stapften die sechs Krieger die Treppe empor, bewunderten die Überreste der übermannsgroßen Fresken, die, im Laufe der Jahrhunderten von Flechten überwachsen, nur noch in ihren Ansätzen erkennbar waren. Unter ihnen begannen die Wipfel der Bäume zurückzufallen, der Himmel dafür schien in bedrohliche Nähe zu rücken. Am Horizont sah Arson den schwarzen Schemen der Stern von Wrodalia erkennen, weiter vorn machte er den langgezogenen Küstenstrich aus, an dem Einskaldir in diesem Moment sicher mit der Befestigung eines Lagers beschäftigt sein würde. Fast gewaltsam riss der junge Paladin von der atembraubenden Szenerie los, senkte den Blick auf die ausgetretenen Steinstufen, um den Aufstieg dann fortzusetzen.

Die Sonne senkte sich bereits dem Horizont entgegen, als der Streiter des Lichts die letzten Meter der Treppe hinter sich ließ und auf die riesige Bergkuppe hinaustrat. Was er dort erblickte, trieb ihm die Tränen in die Augen. Vor ihm, nur wenige Meter entfernt, befand sich der bogenförmige Eingang in ein gigantisches, unglaublich kunstvoll gearbeitetes Gebäude. Die hölzernen Torflügel waren längst verrottet, doch allein die Ausmaße des Einganges waren beeindruckend. Arson schätzte, dass etwa 20 Mann nebeneinander in das Bauwerk marschieren und dabei einen Baumstamm senkrecht mit sich führen konnten, ohne dass dessen Krone die obere Kante des Bogens auch nur annähernd erreichen würde. Gefertigt war dieser uralte Tempel ganz aus weißem Stein, dessen Glanz durch die Hände der Zeit immer mehr geschwunden war, so dass er heute eher die Farbe von Knochen hatte, sich Spuren seiner ursprünglichen Pracht aber noch in den riesigen Statuen und Meißelarbeiten fanden, mit denen die rissigen Wände des Gebäudes überreich geschmückt waren. Die Sithi schienen die gesamte Fläche der Bergkuppe nur für diesen Tempelpalast genutzt zu haben, Türme, Erker, frei schwebende Brücken und kreisrunde Dachkuppeln, alles verbunden zu einem einzigen, unendlich komplexen Bauwerk, dessen einstige Schönheit selbst die prächtigsten Menschenpaläste der Menschheit zu schäbigen Hirtenhütten degradiert haben musste.
Die gorthanischen Soldaten waren nicht weniger beeindruckt. Mit staunend aufgerissenen Mündern sogen sie die Eindrücke in sich auf, wirkten dabei wie Kinder, die man das erste Mal auf einen Hügel mitnahm und ihnen die Weite der eigenen Welt vor Augen führte.

"Können Dämonen denn so etwas Schönes bauen?"
Der junge Soldat, der diese Frage stellte, blickte Arson mit einem verwirrten Gesichtsausdruck an. Es war offensichtlich, dass ein Stück seiner grundsätzlichen Weltanschauung soeben ins Wanken geraten war. Der junge Paladin konnte ihm nichts sagen, was seine Zweifel zerstreut hätten. Im Gegenteil, Arson war immer mehr davon überzeugt, dass die Sithi nicht das geringste mit Dämonen gemein hatten.
"Lasst uns hinein gehen. Zieht eure Klingen." Mit routinierten Bewegungen löste den die Krieger ihre Waffen von den Gürteln, packten die Schäfte ihrer Speere fester oder befreiten die Kampfschwerter von den schützenden Lederscheiden, bevor sie sich anschickten, den riesigen Torbogen zu durchschreiten. Arson bildete die Spitze des Zuges, das Zweihandschwert kampfbereit erhoben stapfte er voran, blickte sich dabei weiterhin nach allen Seiten um.
Das Innere des Tempels war nicht weniger beeindruckend als seine Außenwände. Hier hatte der Zahn der zeit deutlich tiefere Spuren hinterlassen, die marmornen Bodenfliesen waren zersprungen, in Teilen der gigantischen Halle hatte sich Wasser zu seichten Becken angesammelt, ein Teil der Kuppeldecke war eingestürzt, der Stein war weggebrochen, hatte zackige Sonnendurchlässe hinterlassen, durch die sich schmale Lanzen des güldenen Lichts auf den Wasserspiegel hinabfielen, sich in der klaren Flüssigkeit brauchen und ein waberndes Muster aus Blau und Türkistönen auf die Wände zauberte.
Die Schritte der Recken hallten laut und hohl durch die Halle, während sie durch ein breites Spalier aus kreisrunden Marmorsäulen marschieren, die Rücken leicht gekrümmt, die Waffen erhoben, als wären sie Einbrecher, verachtenswerte Grabschänder, gekommen um die Ruhe dieser heiligen Stätte zu entweihen. Allein Arson schritt weiterhin zügig aus, den Blick starr auf den gigantischen Thron am Ende des Saals gerichtet. Dies war also Asu'a, die feste der Sithi. Hier musste Elvrtis Schwert verschollen sein. Ein prickelndes Kribbeln kroch die Wirbelsäule des Kriegers herunter. In den kommenden Minuten würde sich entscheiden, ob Utanyeat gerettet oder der Verdammnis preisgegeben würde.

"Durchsucht die Halle, schaut überall nach. Wir suchen nach einem schwarzen Schwert, es muss hier irgendwo sein."
Zögernd begannen die Soldaten sich zu verteilen. Arson selbst hatte den Thron nun erreicht, starrte mit aufgerissenen Augenlidern auf die Schönheit dieses Kunstwerks. Ganz aus Marmor gefertigt, war dieser Königssitz eine einzige große Zierart. Die Sithi hatten den Stein so bearbeitet, dass er einem komplizierten Rankengeflecht mit abertausenden winzigen Blüten nachempfunden war, von deren geöffneten Kelchen feiner Tau tropfte, für den die Baumeister glitzernde Perlen in den Fels gesetzt hatten. Ehrfurchtsvoll strich der junge Paladin über die Armlehnen des Thronsessels, bewunderte die detaillierten Fresken, bis ein mattes Blinken von Metall seine Aufmerksamkeit erweckte. Arson wandte den Kopf und sah sich um. Hatte er sich getäuscht? Hatten seine Sinne ihm einen Streich gespielt? Nein, da war es wieder, eine schwache Refelxion von Silber in einem dunklen Seitengang, hervorgerufen durch eine der zahlreichen Lichtschlieren, die das Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche hervorrief. Der Krieger Innos stapfte darauf zu, trat vorsichtig in den Seitenkorridor. Hier war der Marmor gänzlich zerstört, feuchter Lehmboden war an die Stelle der kunstvollen Fliesen getreten. Arson marschierte weiter, doch schon bald wurde es zu dunkel, so dass der Paladin in seinen Rucksack griff und eine unbenutzte Fackel aus dem gewichtigen Lederbehältnis hervorholte. Mit Eisen und Feuerschein entzündete er den tuchumwickelten Holzast und hielt ihn hoch über den Kopf. Ja, ohne Zweifel, dort hinten steckte irgendetwas in der Erde. Jähe Hoffnung erfüllte den heiligen Streiter. Im Eilschritt lief er tiefer in den Gang hinein, die grünen Pupillen starr auf das glitzernde Etwas gerichtet. Plötzlich gab der Boden nach. Die lose Erde, eben noch fest genug um dem hochgewachsenen Mann Halt zu bieten, rutschte unter dem Gewicht des gepanzerten Leibes nach unten, sackte immer tiefer nach unten, so dass der Paladin wie in einer Treibsandgrube immer weiter nach unten gezogen wurde. Panikartig krallten sich seine Hände in das Erdreich, versuchten den Leib wieder an die Oberfläche zu ziehen, kratzten jedoch nur vergeblich im feuchten Lehm.
"Soldaten! Helft mir, schnell!"
Arson wusste nicht, ob seine Rufe vernommen wurden, denn in diesem Augenblick gab die Erde vollends nach, und der junge Recke versank im ewigen Dunkel der Ungewissheit...
24.05.2003, 17:41 #3
Arson
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Eine schreckliche Zeit lang hatte Arson das Gefühl, in kalter feuchter Erde zu ertrinken. Alle Alpträume von Tod und Begräbnis, die er je im Leben gehabt hatte, schossen durch seinen Kopf, während ihm Erde in Augen und Nase drang und seine Arme und Beine festhielt. Er scharrte und kratzte, bis er die Hände am Ende seiner Arme nicht mehr fühlen konnte, aber noch immer umschloss ihn der erstickende Lehm.
Doch so jäh, wie er ihn verschluckt hatte, schien er ihn auf einmal wieder auszuspeien. Seine Beine, zappelnd wie bei einem Ertrinkenden, fanden plötzlich keinen Widerstand mehr. Gleich darauf stürzte er mit einer großen Lawine lockerer Erde in die Tiefe. Hart prallte er auf, und der so lange angehaltene Atem entlud sich mit schmerzhaftem Zischen. Arson keuchte und schluckte Sand.
Minutenlang kniete er am Boden, würgend und spuckend. Als die Lichtblitze vor seinen Augen sich allmählich zu zerstreuen begannen, hob er den Kopf. Von irgendwo kam Licht - nicht viel, aber genug, um ihm den vagen Umriss eines runden Raumes zu zeigen, der nicht viel breiter war als er selbst. Ein neuer Tunnel? Oder nur eine Grube im Abgrund, sein ganz persönliches Grab, in dem er schon bald ersticken würde?
Auf dem lockeren Erdhügel, auf dem er kauerte, schien eine kleine Flamme erblüht zu sein, von ihr stammte das Licht.
Sobald er seine zitternden Glieder wieder voll unter Gewalt hatte, kroch er darauf zu und entdeckte, dass es sich um die Spitze einer seiner Fackeln handelte, das einzige Stück der Lichtquelle, das der große Erdrutsch nicht verschüttet hatte. So behutsam er konnte, wühlte er seine Hand in die lehmige Erde und grub die Fackel aus und befreite sie von anhaftendem Schmutz. Als er sie gereinigt hatte so gut er konnte, hielt er sie nach unten, damit die kleine Flamme sich ausbreiten konnte. Bald brannte sie heller.
Das erste was er erkannte, war, dass er sich tatsächlich in einem weiteren Tunnel befand. In der einen Richtung führte er abwärts, das andere Ende lag gleich hinter Arson, ein formloser Haufen Erde, ein großes, stumpfes Nichts aus feuchten Schollen und lockerem Sand. Dahinter konnte er weder Licht noch sonst etwas wahrnehmen; ganz gleich, durch welches Loch er gefallen sein mocjte, die Erde hatte es aufgewühlt.
Als zweites sah er den stumpfen Glanz von Metall in dem Erdhaufen. Er bückte sich und grub danach. Unbestimmte Enttäuschung überkam ihn, als er merkte, wie leicht der Gegenstand sich herausziehen ließ und wie klein er war. Das war nicht Elvrits berühmtes Schwert. Es war eine silberne Gürtelschnalle.
Er hielt die schlammbedeckte Schließe ins Licht seiner Fackel. Mit den Fingern wischte er den Schmutz ab und lachte dabei, ein rauher schmerzhafter laut, der in dem engen Gefängnis rasch erstarb. Dafür hatte er also sein Leben aufs Spiel gesetzt - das war der Köder, der ihn in die Kerker der Tiefe gelockt hatte! Die Schnalle war so zerkratzt und abgetragen, dass das Bild darauf kaum zu erkennen war. Irgendein Tierkopf bildete das Mittelstück, mit eckiger Schnauze, wie ein Bär oder ein Schwein, umgeben von ein paar Strichen, die Stöcke oder Pfeile bedeuten konnten. Jedenfalls handelte es sich um etwas Altes und Unwichtiges - etwas Wertloses.
Arson rammte den Fackelgriff in den Boden und kletterte kurzentschlossen den Erdhügel hinauf. Irgendwo über ihm
mussteder Himmel sein. Seine Angst wurde immer größer. Bestimmt würden die Soldaten nach ihm graben. Wie aber sollten die Krieger ihn finden, wenn Arson sich nicht bemerkbar machte? Zuerst rutschte er Elle für Elle hinunter, bis er eine Art sich zu bewegen fand, bei der er nicht so viel Erde lostrat. Schließlich war er so weit oben, dass er die lose Erde am Ende des Tunnels mit den Händen erreichen konnte. Dort fing er hektisch an zu graben. Aber obwohl der Sand um ihn nur so spritzte, sackte immer wieder neuer Lehm nach. Allmählich wurden seine Bewegungen immer unkontrollierter. Er riss an der nachgiebigen Erde, schaufelte große Hände voll und ließ dabei immer nur neue Lawinen von oben herunterstürzen. Tränen strömten über sein Gesicht und mischten sich mit den Schweißperlen, bis seine Augen brannten. Soviel er auch grub, es gab kein Ende.
Schließlich hielt er doch inne, zitternd, fast gürtelhoch in aufgehäufter Erde. Sein Herz raste so, dass ihm zunächst nicht auffiel, wieviel dunkler es im Tunnel geworden war. Als er sich umdrehte, begriff er, dass sein wildes Wühlen die Fackel um ein Haar ein zweites Mal begraben hätte. Erschrocken starrte er sie an, von jäher Angst erfüllt, nachrutschender Sand könnte die Flamme ganz und gar verschütten, sobald er versuchte, den lockeren Hang wieder hinunterzusteigen. Einmal erloschen, ließ sie sich nicht wieder entzünden, da sowohl Arsons Runenbeutel als auch sein Rucksack bei dem Rutsch in die Tiefe verschütt gegangen waren. Er würde in völliger, schwarzer Finsternis zurückbleiben.
Vorsichtig befreite er sich aus dem kleinen Erdhügel, der seine Beine gefangenhielt, so behutsam, wie er einst im Weiher seines Heimatdorfes nach Fröschen gepirscht hatte.

Sacht, sacht, ermahnte er sich selbst Nicht das Dunkel! Ich brauche Licht. Wenn ich das Licht verliere, bleibt von mir nichts mehr übrig, dass sie finden können.
Eine winzige Lawine kam ins Rollen. Erdklumpen polterten die Halde hinunter, und ein kleines Geriesel kam unmittelbar vor der Fackel zum Stehen. Sie zuckte. Arson stand beinah das herz still.
Sacht. Sacht. Ganz sacht.
Als er die Hände in die bröckelnde Erde unter die Fackel grub, hielt er den Atem an; als er sie herausgehoben hatte, stieß er ihn wieder aus. So schmal war die Grenze - tatsächlich nur der ausgefranste Rand eines Schattens - die Grenze zwischen Finsternis und Licht.
Wieder machte er sich daran die Fackel zu reinigen, verbrannte sich die Finger, fluchte und stellte schließlich fest, dass sein Waffengurt mit Dolch und Einhandschwert noch immer um seine Hüfte gebunden war. Nachdem er ein Dankgebet für diesen anscheinend ersten Glücksfall seit langem gesprochen hatte, beendete er seine Arbeit mit Hilfe der Dolchklinge. Er überlegte kurz, wie lange die Fackel noch brennen würde, schob diesen Gedanken aber beiseite. Jedenfalls war klar, dass er keine Möglichkeit hatte, sich nach oben durchzugraben. Darum wollte er dem Tunnel folgen und abwarten, bis sich die gorthanischen Soldaten zu ihm durchgewühlt hatten. Bestimmt würden sie bald bei ihm sein. Wenn man genauer darauf achtete, gab es auch genügend Luft zum Atmen.
Als er die Fackel schräg hielt, damit sie wieder richtig brannte, kamen neue Erdmassen die halle hinuntergerollt. Arson war so beschäftigt, dass er nicht aufblickte. Erst ein zweiter Erdrutsch erregte seine Aufmerksamkeit. Er hob die Fackel hoch und spähte in das verschlossene Tunnelende. Die Erde...bewegte sich...
Etwas wie ein winziger schwarzer Baum wuchs aus dem Boden und regte flache, schlanke Zweige. Gleich darauf sprosste ein zweiter daneben, und zwischen ihnen erzwang sich ein kleiner Klumpen den Weg nach oben. Es war ein Kopf. Blinde weiße Augen richteten sich auf Arson, Nüstern zuckten. Ein Mund öffnete sich zu etwas, dass menschlichem Grinsen grausig ähnelte.
Dann schossen weitere Hände und Köpfe aus dem Sand. Arson, der vor Entsetzen gelähmt darauf gestarrt gatte, erhob sich schwankend auf die Knie, Fackel und Messer schützend vor sich haltend.

Goblins! Seine Kehle war wie zugeschnürt.
Sie zählten vielleicht ein halbes Dutzend. Nachdem sie die lose Erde abgeschüttelt hatten, ballten sie sich zu einem Knäuel zusammen, das leise schnatterte. Die dürren, haarigen Glieder waren so ineinander verschlungen und ihre Bewegungen so unruhig und hektisch, dass er sie nicht richtig zählen konnte. Er schwenkte ihnen die Fackel entgegen und sie wichen zurück, aber nur ein Stück. Sie verhielten sich vorsichtig, hatten jedoch offensichtlich keine Angst vor ihm.

Innos, heiliger Vater, dachte Arson stumm. Ich stecke mit Goblins in der Erde!
Sie näherten sich als geschlossener Klumpen, fuhren jedoch plötzlich auseinander und huschten an die Wände. Arson stieß einen überraschten Schrei aus und schlug mit der Fackel nach dem vordersten Wesen. Es schrie schrill und qualvoll, sprang aber vor und umklammerte mit Armen und Beinen Arsons Handgelenk; scharfe Zähne schabten an den Eisenketten seiner Panzerhandschuhe. der junge Paladin schmetterte den Arm gegen die Tunnelwand, um den Goblin abzustreifen. Mehrere andere, vom zurückziehen der Fackel ermutigt, hüpften mit gierigem Quieken näher.
Arson stach auf den ersten ein und traf ihn mit dem Dolch. Die stählerne Klinge zerriss die schmierigen Fetzen, die den Goblins als Kleidung dienten, und schnitt tief in das darunterliegende Fleisch. Mit der anderen Hand schlug er nochmals, so hart er konnte, gegen die Wand und spürte, wie dünne Knochen brachen. Das Wesen, das sein Gelenk umklammerte, fiel herunter.
Arson zog sich zurück und rutschte auf den Knien ungeschickt die Halde hinunter, wobei er große Mühe hatte, im lockeren Sand das Gleichgewicht zu halten. Die Goblins rannten hinterher. In weitem Bogen schwang er seine Fackel. Die drei kleinen Ungeheuer, die noch kampffähig waren, glotzten ihn mit runzligen, verzerrten kleinen Gesichtern an, den Mund aufgerissen vor Hass und Furcht. Drei. Und zwei kleine, verhutzelte Gestalten am Boden, wo er gerade noch gekniet hatte. Waren es doch nur fünf gewesen?
Etwas fiel von der Tunneldecke auf seinen helmlosen Kopf. Splittrige Krallen zerkratzten sein Gesicht, eine Hand packte ihn seine Oberlippe. Arson brüllte auf und griff danach, packte den zappelnden Körper, so fest er konnte, und zog. Nach kurzer Gegenwehr hatte er ihn losgerissen, schreiend vor Ekel und Entsetzen zerschmetterte Arson den Goblin am Boden und schleuderte den zerstörten Körper auf die anderen. Er sah noch, wie sie ins Dunkel zurücktaumelten, bevor er kehrtmachte und den Tunnel hinunterkroch, so schnell es nur ging, fluchend und würgend. Immer wieder spuckte er aus, um den üblen Geschmack der öligen Haut des Goblins aus dem mund zu bekommen.
Jeden Augenblick erwartete er, dass etwas nach seinen Beinen schnappte. Als er ein ganzes Stück gekrochen war, drehte er sich um und hob die Fackel. Ihm war, als sähe er den matten, bleichen Schimmer von Augen, aber er hätte es nicht mit Sicherheit sagen können. Deshalb machte Arson von neuem kehrt und setzte seinen Weg tunnelabwärts fort. Zweimal verlor er seine Fackel und riss sie hastig hoch, angstvoll, als wäre ihm das eigene Herz aus der Brust gepoltert...
25.05.2003, 11:20 #4
Arson
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Die Goblins schienen ihn nicht verfolgt haben. Arson wurde es etwas leichter ums Herz, aber immer noch jagte sein Puls. Der Boden des Tunnels unter seinen Händen und Knien wurde allmählich fester.
Nach einiger Zeit hielt er an und setzte sich hin. Das Licht der Fackeln zeigte ihm in dem eintönigen Tunnel hinter ihm keinen Verfolger, aber etwas hatte sich geändert. Er schaute auf. Die Decke war viel weiter entfernt - so weit, dass er sie im Sitzen nicht mehr erreichen konnte.
Der junge Paladin holte tief Atem, dann noch einmal. Er blieb sitzen, bis er das Gefühl hatte, die Luft in seinen Lungen brächte allmählich wieder Erleichterung. Dann streckte er die Fackel in die Höhe und wiederholte seine Untersuchung. Tatsächlich, der Tunnel war höher und auch breiter geworden. Er berührte die Wand und fühlte, dass sie fast so fest wie Lehmziegel war.
Mit einem letzten Blick zurück kam der Recke, noch etwas wacklig, auf die Füße. Die Tunneldecke lag eine handbreit über seinem Kopf.
Unfassbar müde, hielt er die Fackel vor sich und fing an zu laufen. Längst war ihm klar, warum die Soldaten sich nicht hatten durchgraben können. Er hoffte nur, dass die Goblins die Krieger in der Halle nicht überwältigt hatten. Sie würden schon auf sich acht geben, er hatte nun andere Probleme.
Der Tunnel war öde wie ein Kaninchengang und führte immer tiefer nach unten in den dunklen Schlund der Erde. Arson sehnte sich verzweifelt hinauf ins Licht, wo man den Wind spüren konnte. Das letzte, was er wollte, war, hier unten bleiben zu müssen, in diesem langen, schmalen Grab. Aber es gab keinen Ausweg. Er war wieder allein, ganz und gar allein.
Jeder Knochen im Leib tat ihm weh, und er kämpfte gegen jeden einzelnen schrecklichen Gedanken, bevor der sich in seinem Geist festsetzen konnte, der noch mehr schmerzte als Arsons Körper. So stapfte er weiter, hinab in die Schatten...
25.05.2003, 12:49 #5
Arson
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Es war zum Wahnsinnigwerden. Arson war halbverdurstet, sein Mund war trocken wie Knochenmehl, und von allen Seiten hörte er das Echo plätschernden Wassers…aber nirgends war Wasser zu finden. Es war als hätte ein Dämon sich in seinem Kopf umgeschaut, sich den sehnlichsten Wunsch darin ausgesucht und dann angefangen, ihn grausam damit zu quälen.
Er blieb stehen und spähte in die Dunkelheit. Der Tunnel war noch breiter geworden, führte aber weiterhin abwärts. Es hatte keine Stelle zum Umkehren und keine Kreuzungen gegeben. Woher immer das Tropfgeräusch auch kommen mochte, es lag jetzt hinter ihm, als sei er irgendwann in den gesichtslosen Schatten daran vorbeigelaufen.
Aber das war unmöglich. Das Geräusch war erst vor ihm gewesen und nun hinter ihm – aber nie neben ihm.
Mühsam bezwang der junge Paladin sein Unbehagen, das sich in seinem Körper wie etwas Lebendes bemerkbar machte, ein Wesen mit lauter winzigen, raschelnden Schuppen und krabbelnden Krallen.
Vielleicht hatte er sich ja hier unten verirrt, ermunterte er sich selbst, aber schließlich war er nicht tot. Er hatte schon früher in solchen Tunneln gesteckt und es geschafft, wieder ans Tageslicht zu klettern. Hatte er das wirklich?
Außerdem war er jetzt viel älter und hatte Dinge gesehen, die nur wenige andere Leute zu Gesicht bekommen hatten. Irgendwie würde er überleben. Und wenn nicht? Dann würde er seinem Ende gefasst entgegensehen.

Tapfere Worte, Narr, spottete eine innere Stimme. Tapfere Worte – jetzt. Aber nach einem sonnenlosen Tag und einer mondlosen Nacht ohne Wasser? Wenn die Fackel erlischt?
„Sei still.“ Arson bemerkte nicht, dass er die Worte laut aussprach. Leise sang er vor sich hin. Der Hals tat ihm weh, aber er hatte das eintönige Klicken seiner Absätze auf dem Stein satt. Seine schwere Rüstung scheuerte auf der wunden Haut und behinderte ihn bei seiner Wanderung durch die Dunkelheit. Hinzu kam, dass ihm vom Geräusch von klickendem Metall ganz elend zumute war.

„Herr Elvrit stieg ins dunkle Loch,
wo grimm der Sithidämon jagt,
in Höhlen tief, zu Kröt und Troll,
wohin noch keiner sich gewagt…“

Er runzelte traurig die Stirn. Wenn es doch nur Trolle hier gäbe! Damit würde er fertig werden. Und sowieso, wie hatte es bei Elvrit eigentlich mit Licht gestanden? Arson besaß eine einzige Fackel, deren Flamme am Rand schon ein bisschen dünn auszusehen begann, Es war ja alles sehr schön, dieses Herumstolzieren und Festauftreten und Nachmonsternsuchen, aber in den Liedern war nie so recht die Rede von Essen und Wasser und davon, wie man Feuer anmachen sollte.
Alte Wiegenlieder und verschollene Schwerter und Tunnel in der schwarzen, stinkenden Erde. Wie war es nur gekommen, dass das jetzt im Mittelpunkt seines Daseins stand? Als er einst um ritterliche Abenteuer betete, hatte er auf Edleres gehofft – Schlachtfelder, eine glänzend polierte Rüstung, Heldentaten, die Liebe der Menge. Zwar hatte er alles – mehr oder weniger - auch bekommen, aber nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Und nun hatte es ihn niedergeworfen in dieses Tollhaus voller Schwerter und Tunnel, als würde er gezwungen, ein Kinderspiel zu spielen, dessen er doch schon lange müde war…
Er stieß mit der Schulter gegen die Wand und wäre fast hingefallen. Die Fackel entsank seinem Griff und blieb auf dem Tunnelboden liegen. Arson starrte sie einen Moment stumpfsinnig an, bis er jäh wieder zu sich kam. Er riss sie hoch und umklammerte sie so fest, als hätte das Licht vor ihm fliehen wollen.

Narr.
Schwerfällig setzte er sich hin, löste die Schnallen seiner Rüstung und warf das schwere Metall achtlos neben sich. Er war erschöpft vom Laufen, von der öden Leere und von der Einsamkeit. Der Tunnel hatte sich in ein Loch verwandelt, das sich durch unregelmäßig geformte Felsblöcke zog. Wahrscheinlich bedeutete das, dass er sich tief in den Gebeinen des Berges befand, sein Weg schien hinabzuführen zum Mittelpunkt der Erde.
Etwas an seinem Gürtel scheuerte ihn an der Hüfte und erregte seine Aufmerksamkeit. Was schleppte er da eigentlich mit sich herum? Seit Stunden, so kam es ihm vor, schlurfte er nun schon durch diese Gänge und hatte sich nicht einmal darum gekümmert, was er bei seinem Sturz durch die bröckelnde Erde bei sich trug.
Er öffnete seinen Gürtel und ließ die Mitbringsel auf die Erde poltern, um nachzusehen, um was es sich handelte. Das Ergebnis war, dass ihm durch die verspätete Inventur nicht viel entgangen war. Er fand einen runden, glatten Stein, den er aufgesammelt hatte, weil er gut in der Hand lag, und die fast unkenntliche Gürtelschnalle, von der er gedacht hatte, er habe sie weggeworfen. Jetzt beschloss er, sie zu behalten, in der unbestimmten Überlegung, sie zum Kratzen oder Graben verwenden zu können.
Der einzige Wichtige Fund war ein Stück getrocknetes Fleisch aus dem Vorrat seines verschollenen Rucksacks. Sehnsüchtig betrachtete er den zusammengeschrumpften Streifen, der nicht länger und breiter war als sein Finger, und steckte ihn dann wieder ein. Er hatte das Gefühl, ihn später noch dringender zu brauchen als im Augenblick.
Soweit sein Gürtel. Der goldene Ring eines Paladinkommandanten, den ihm Lord Hagen überreicht hatte, steckte noch an seinem Finger, wenn auch unter einer dicken Schmutzschicht fast unsichtbar. Die Panzerhandschuhe hatte Arson schon lange vorher ausgezogen, da sie ihm schwer und unangenehm warm vorkamen. Nachdenklich betrachtete der junge Krieger den Ring. Welchen Sinn und Nutzen er auch in der Welt des Sonnenlichtes haben mochte, hier unten war er wertlos. Arson konnte ihn nicht essen, und Feinde würde er damit auch nicht abschrecken. Wenigstens hatte er noch Dolch und Schwert, auch wenn letzteres in diesem Rattenloch völlig unbrauchbar war. Zusammen mit der Fackel bildete also der Dolch seine einzige Verteidigung. Mit dem Brustpanzer hatte er den letzten Teil seiner Rüstung abgelegt, stand nun mit nichts weiter da als einer Leinenhose und einem groben Hemd aus demselben Material. Wie schnell der stolze Paladin doch wieder zu dem dreckigen Bauerssohn geworden war, der er früher gewesen war. Ein Bauerssohn in der schwarzen Erde.
In der Erde, die ihn erstickte...

Hör auf, ermahnte er sich selbst. Was hat Baal Orun damals gesagt? > Nicht das, was man in den Händen hat, sondern das, was im Kopf steckt. < Das ist doch immerhin etwas. In meinem Kopf steckt inzwischen entschieden mehr als damals.
Aber was nützt mir das, wenn ich verdurste?
Der junge Paladin rappelte sich auf und ging weiter. Zwar hatte er keine Ahnung, wohin der Tunnel führte, aber irgendwo musste er ja enden, er musste einfach. Die Möglichkeit, dass er in dieser Richtung so aufhören würde würde wie auf der anderen Seite, in einer undurchdringlichen Wand aus heruntergestürztem Erdreich oder Geröll, war etwas, an das er lieber gar nicht dachte.
Wieder, diesmal leiser, fing er an zu singen…
25.05.2003, 13:59 #6
Arson
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Es war seltsam. Arson hatte nicht das Gefühl, den Verstand verloren zu haben, aber trotzdem hörte er Dinge, die nicht da waren. Das Geräusch plätschernden Wassers war zurückgekehrt, schien aber jetzt, lauter und kräftiger als zuvor, von allen Seiten zu kommen, als schritte er durch den Vorhang eines Wasserfalls. Darunter mischte sich, im Zischen und Spritzen kaum auszumachen, Wortgemurmel.
Stimmen! Vielleicht sind doch Quergänge in der Nähe. Vielleicht führen sie zu Menschen! Zu wirklichen, lebendigen Menschen!
Die Stimmen und die Töne des Wassers begleiteten ihn eine Zeitlang, ohne ihren Ursprung preiszugeben; dann verstummten sie und ließen ihn mit dem Geräusch seiner Schritte als einzige Gesellschaft allein.
Verwirrt und müde, voller Unbehagen vor dem, was die gespenstischen Laute bedeuten könnten, wäre Arson um ein Haar in ein Loch im Tunnelboden getreten. Er stolperte, fing sich wieder, stützte sich mit der Hand gegen die Wand und schaute nach unten. Aus der Tiefe schien ihm das Licht einer anderen Fackel entgegenzuleuchten, und dem jungen Paladin wollte das Herz stillstehen.

„Wer…wer ist…“ Als er sich vorbeugte, schien ihm das Licht entgegenzusteigen.
Ein Spiegelbild. Wasser.
Arson sank in die Knie und näherte dem kleinen Teich das Gesicht, stockte aber, als der Geruch ihm in die Nase stieg, ölig und unangenehm. Er tauchte die Finger hinein und zog sie wieder heraus. Das Wasser schien eigenartig glitschig auf der Haut. Um besser sehen zu können, hielt er die Fackel daneben. Eine Stichflamme sprang empor und schlug ihm lodernd ins Gesicht; vor Schreck und Schmerz aufschreiend, taumelte er rückwärts. Sekunden lang schien es, als habe die ganze Welt Feuer gefangen.
Arson setzte sich mit gespreizten Beinen hin, hob die Hand an die Wange und betastete vorsichtig seine Züge. Die Haut war so empfindlich, als hätte er sich zu lange in der Sonne aufgehalten, aber ansonsten schien sich noch alles am richtigen Platz zu befinden. Als er nach unten sah, tanzte am Tunnelboden eine Flamme.

Beim heiligen Vater! fluchte er stumm. Bauernpech! Ich finde Wasser, und es gehört zu der Sorte, die brennt – was für eine Sorte das auch sein mag.
Eine Träne rann ihm über die heiße Wange. Die Flüssigkeit in dem Teich brannte fröhlich weiter. Arson war so enttäuscht, dass sein Trinkwasser sich als ungenießbar erwiesen hatte, dass er lange nicht begriff, was er da vor sich hatte. Endlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Öl – natürlich. Soweit ich weiß, findet man es in Höhlen. Oder? Naja, es ist hier, also wird es wohl stimmen.
Der Paladin überlegte. Wenn er ein paar Stöcke und Lumpen hätte, könnte er Fackeln mit dem Öl herstellen.
Er zuckte mit den Schultern, stand auf, und ging weiter den Tunnel hinunter. Aber schon nach wenigen Schritten blieb er kopfschütteln stehen.

Verdammter Narr.
Er lief zurück zum brennenden Tümpel, ließ sich nieder und zog sein Hemd aus. Dann riss er Stücke vom Saum ab. Das Öl war unangenehm warm. Sludig würde ihn auslachen, wenn er sähe, wie er hier in diesem Loch saß und sein Hemd langsam in Fetzen riss. Arson lächelte, wurde aber schnell wieder ernst. Sludig war nicht hier. Er war ganz allein in der Erde.
Als er ein Dutzend Streifen in der Hand hatte – das Hemd reichte jetzt noch knapp bis unter die Achselhöhlen -, schaute er kurz in die Flammen und überlegte, wie er den Stoff eintauchen könnte, ohne sich die Haut von den Händen zu sengen. Er erwog, die Fackel zu benutzen, entschied sich jedoch dagegen. Er wusste nicht, wie tief das Loch im Tunnel war und hatte Angst davor, die Fackel fallen zu lassen. Dann würde er nur noch ein Licht haben, das er nicht mitnehmen konnte.
Nach langem nachdenken klemmte er die Fackel seitlich fest und fing an, aus den Ritzen zwischen den Felsblöcken Erde herauszukratzen und in das Loch zu schaufeln. Nach einem guten Dutzend Händen voll flackerte die Flamme und erlosch. Er wartete noch eine Weile, weil er nicht sicher war, wie lange das Abkühlen dauern würde, und wühlte dann die schmutzige Erde wieder zur Seite, bis eine offene Stelle zurückblieb, an der er die Lappen eintauchen könnte. Als der junge Paladin die Stoffstreifen alle gut durchtränkt hatte, nahm er einen davon heraus. Die anderen rollte er einzeln fest zusammen und legte sie nebeneinander auf das letzte und größte Stück von seinem Hemd. Diesen behelfsmäßigen Sack band er zusammen und hängte ihn an seinen Gürtel. Den verbleibenden Streifen wickelte er sorgfältig um die Fackel, ein kleines Stück unterhalb der Flamme, und hielt sie so lange schräg, bis der mit Öl getränkte Lappen Feuer fing. Er brannte hell, und Arson nickte. Er brauchte nach wie vor etwas zu essen und zu trinken, aber wenn er sparsam mit seinen Vorräten umging, musste er sich wenigstens noch eine ganze Weile darüber keine Sorgen darüber machen, dass er ohne Licht dastand. Verirrt und allein mochte er sein, aber er war eben nicht mehr Arson, der dumme Bauerssohn von einst – er war jetzt der ehrenhafte Herr Arson, Paladin des Königs.
Viel lieber freilich wäre er ganz einfach Arson gewesen, der in Freiheit mit seinen Freunden über die grüne Erde dahinwanderte.

Narrenträume.
Der junge Krieger nickte als müsste er seine eigenen Gedanken bestätigen. In dieser Welt gab es keine Freiheit, und die grünen Flecken der Erde würden sehr bald durch die Hand des Krieges in blutige Schlammfelder verwandelt werden. Nur mit Feuer und Schwert konnte man sich einen Platz zum Leben erkämpfen – vorausgesetzt man steckte nicht gerade in einem dunklen Erdloch voller Geister und Schatten. Arson rappelte sich auf. Es war an der Zeit seinen Weg fortzusetzen, hinab, und immer wieder hinab, bis zum glühenden Kern der Welt…
26.05.2003, 10:13 #7
Arson
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Entscheidungen, dachte Arson traurig, können Fluch und Segen zugleich sein.
Einmal hatte er schon geschlafen, zu einem Knäuel zusammengerollt auf dem harten Tunnelboden, die Fackel mit einem frischen Lappen voller Öl umwickelt. Als er aus einem schrecklichen Angsttraum erwachte, in dem alles Licht erloschen war und er durch schlammige Schwärze kroch, brannte die Fackel noch immer ruhig weiter.
Seitdem war eine ganze Zeit vergangen; es kam ihm wie mehrere Stunden vor. Dabei war sein Durst immer größer geworden, bis jeder Schritt seinem Körper Feuchtigkeit zu entziehen schien und er fast an nichts mehr denken konnte als an Wasser. Der Streifen Fleisch steckte immer noch in seinem Gürtel. Beim bloßen Gedanken daran, das trockene, salzige Stück zu essen, bekam er Kopfschmerzen, obgleich sein Hunger kaum kleiner war als sein Durst.
Plötzlich gab es eine Unterbrechung in den eintönigen Stein- und Erdwänden des Tunnels. Nach beiden Seiten öffnete sich ein Quergang, zwei unregelmäßige, aber ziemlich große Löcher, ohne Zweifel nicht natürlichen Ursprungs. Nachdem der junge Paladin eine fast unendlich lange Zeit lang wahllos vor sich hingestampft war, musste er nun eine Entscheidung fällen: sollte er geradeaus gehen, oder nach rechts, oder vielleicht lieber nach links?
Was er suchte, war natürlich ein Pfad, der nach oben führte, aber beide Abzweigungen schienen alles andere als in diese Richtung zu verlaufen. Er ging nacheinander ein kleines Stück in beide hinein, witterte, spähte und horchte auf alles, das auf frische Luft oder Wasser hindeuten könnte, aber erfolglos. Der Quertunnel schien ebenso langweilig wie der, durch den er nun schon, Innos allein wusste wie lange, dahinwanderte.
Er kehrte zum Hauptgang zurück und blieb dort stehen, um zu überlegen, wo er sich wohl befand. Bestimmt steckte er irgendwo tief unterhalb des Hügels von Asu'a; man konnte nicht so lange und so stetig nach unten steigen, ohne unter den Berg selbst zu geraten. Andererseits hatte der Weg so viele Windungen gemacht, dass er unmöglich ermessen konnte, unter welchen Stück der Unterwelt er jetzt angekommen war. Er würde sich einfach entscheiden müssen und dann sehen, wie es weiterging.

Wenn ich immer dieselbe Richtung nehme, kann ich wenigstens den Weg zurück finden.
Ohne besonderen Grund beschloss Arson, den Tunnel zur Linken zu wählen; von dort aus wollte er dann immer nur nach links abbiegen. Falls er diese Entscheidung bereute, brauchte er nur kehrtzumachen und sich so lange rechts zu halten, bis er wieder hier ankam. Er ging also nach links und stolperte weiter.
Zuerst schien sich der Tunnel nicht von dem, den er gerade verlassen hatte, zu unterscheiden, eine Röhre aus unregelmäßigen Steinen und Erde, ohne Anzeichen eines bestimmten Gebrauchs oder Erbauungszwecks. Wer hatte dieses finstere Loch gebohrt? Menschen oder menschenähnliche Wesen mussten es gewesen sein, denn an manchen Stellen konnte er deutlich sehen, dass man den Felsen behauen oder abgeschlagen hatte, um dem sich dahinschlängelnden Gang Raum zu schaffen.
Arsons Durst und seine ausweglose Einsamkeit waren so groß, dass ihm die sanften Stimmen erst auffielen, als sie plötzlich wieder vin allen Seiten auf ihn einflüsterten. Diesmal spürte er zugleich etwas wie eine Bewegung - ein Zupfen an seinen Kleidern wie von Wind, dahingleitende Schatten, die das Licht im Tunnel zum Flackern zu bringen schienen. Die Stimmen klagten leise in einer Sprache, die der junge Paladin nicht verstand. Wenn sie an ihm vorbei - oder auch durch ihn hindurchschwebten, empfand er ene traurige Kälte. Sie waren...in gewisser Weise... Erinnerungen. Sie waren Verlorene. Gestalten und Gefühle, die sich aus ihrer eigenen Zeit gelöst hatten. Er bedeutete ihnen nichts, und sie, so verwirrend sie auch sein mochten, hatten keine Bedeutung für ihn.

Wenn ich nicht einer von ihnen werde. Unbehagen stieg in ihm auf wie eine Blase. Wenn nicht eines Tages irgendein anderer wandernder Narr fühlt, wie ein Arson-Schatten ihn streift und murmelt >verloren, verloren, verloren<....
Es war ein grauenvoller Gedanke, der ihn, auch nachdem das Schneegestöber der Fast-Gestalten vorbeigehuscht war und die Stimmen schwiegen, lange nicht verließ...
26.05.2003, 10:54 #8
Arson
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Noch dreimal war er abgebogen, jedesmal nach links, als endlich eine Veränderung eintrat.
Arson hatte schon daran gedacht umzukehren - die letzte Abzweigung hatte ihn zu einem Tunnel gebracht, der sich jetzt steil nach unten senkte -, als ihm eine gewisse Fleckigkeit der Wände auffiel. Er hielt die Fackel daran und sah, dass die Ritzen zwischen den Steinen voller Moos saßen. Moos - das hieß, dass Wasser in der Nähe sein musste. Er war so ausgedörrt, dass er eine verfilzte Handvoll abriss und in den Mund steckte. Versuchsweise kaute er einige Male darauf herum, dann würgte er es hinunter. Die Galle stieg dem jungen Paladin bis in den Hals, und einen Augenblick glaubte er, sich übergeben zu müssen. Es schmeckte entsetzlich bitter, aber es enthielt Feuchtigkeit. Wenn es sein musste, konnte er es essen und so wahrscheinlich eine zeitlang am Leben bleiben. Aber er betete um eine andere Lösung.
Der abgerissen aussehende Recke starrte noch auf die winzigen Wedel und wusste nicht recht, ob er eine zweite Portion davon hinunterbrächte, als ihm an der Stelle, von der er die erste Handvoll abgekratzt hatte, helle Zeichen auffielen. Er kniff die Augen zusammen und leuchtete mit seiner Fackel. Kein Zweifel, das waren die Überreste eines Musters - große, gebogene Parallellinien und verwitterte Figuren, die vielleicht Blätter oder Blüten dargestellt hatten. Die Zeit hatte sie fast vollständig abgetragen, aber sie schienen etwas von der geschwungenen Anmut der Steinarbeiten besessen zu haben, die er in den Ruinen oberhalb des Berges gesehen hatte. Ein Werk der Sithi? So tief unter der Erde?
Er schüttelte den Kopf. Zu viele Fragen, wenn die einzigen, auf die es ankam, lauteten: Wo konnte er Wasser finden - und welcher Weg führte nach draußen?
Obwohl er im Weitergehen aufmerksam die Wände prüfte, folgte auf seine Entdeckung des Mooses zunächst nichts Brauchbares mehr. der Tunnel wurde breiter, und die beiden nächsten Gänge, die er wählte, schienen ihm kunstvoller gebaut als die vorhergehenden, mit symmetrischen Wänden und ebenen Fußböden. Als er die dritte Abzweigung einschlagen wollte, setzte er den Fuß ins Leere.
Mit einem Aufschrei entsetzter Überraschung klammerte Arson sich am Eingang des Tunnels fest. Die Fackel fiel ihm aus der Hand und polterte in das dunkel hinunter, in dem er um Haaresbreite selbst gelandet wäre. In angstvoller Erwartung sah er zu, wie sie aufprallte und fortrollte. Endlich blieb sie liegen und flackerte...ging aber nicht aus.
Stufen. Seine Fackel lag auf einer hohen Treppe, die nach unten führte. Das erste Dutzend Stufen war eingestürzt oder abgeschlagen worden, nur ein paar Bruchkanten waren übriggeblieben.
Arson wollte nicht hinunter. Er wollte nach oben.

Aber die Treppe! Vielleicht ist dort unten etwas - irgendein Ort, der einen Sinn ergibt. Was könnte schlimmer sein als das bisherige?
Nichts. Alles.
Es war eine Abzweigung nach links, so dass er sich dann auch nicht völlig verirrt haben würde wenn sich seine Wahl als schlecht erwies. Allerdings war es weit leichter, sich in das Loch hinunterzulassen, das durch die fehlenden Stufen entstanden war - immerhin war es um einiges Tiefer als der junge Paladin lang war -, als hinterher, wenn er seine Meinung änderte, wieder hinaufzuklettern. Vielleicht sollte er doch lieber einen der anderen Gänge nehmen.
Was für ein Unsinn! schalt er sich selbst. Musste er nicht auf jeden Fall hinunter? Er brauchte doch seine Fackel!
Der junge Kämpfer setzte sich hin, ließ die Beine in das stufenlose Loch baumeln und zog den Streifen Dörrfleisch aus dem Gürtel. Er brach ein kleines Bröckchen ab, lutschte nachdenklich daran und schaute in die Tiefe. Der Fackelschein zeigte ihm, dass man die Stufen eckig behauen, sonst aber nicht bearbeitete hatte; sie sollten brauchbar sein, nichts weiter. Man konnte ihnen nicht entnehmen, ob sie irgendwohin führten.
Er kaute und schaute. Er genoss den salzigen Rauchgeschmack, von dem ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Wie wundervoll, wieder etwas Festes zwischen den Zähnen zu haben!
Schließlich stand er wieder auf und ging noch einmal in den Tunnel. Dort, wo das Licht der Fackel im Loch nicht mehr hinreichte, tastete er mit den Händen, bis er an der Wand eine weitere, moosbewachsene Stelle fand. Er riss mehrere Handvoll ab und stopfte die klebrige Masse in die an seine Leinenhosen genähten Taschen. Dann kehrte er zu dem Treppenschacht zurück und spähte nach unten, bis er den besten Landeplatz gefunden zu haben glaubte, Er schob die Beine über den Rand, rollte sich auf den Bauch und glitt so vorsichtig wie möglich hinunter. Die Steine schürften ihm Magen und Brust auf, Arson biss die Zähne zusammen. Als er fast mit dem ganzen Körper nach unten hing, ließ er sich fallen.
Ein kleiner loser Stein, vielleicht ein Bruchstück der zerstörten Stufen, lauerte ihm auf wie eine Viper. Er fühlte, wie ein Fuß vor dem anderen den Boden berührte und der erste Fuß sich im Knöchel drehte. Jäher Schmerz durchzuckte sein Bein.
Mit Tränen in den Augen blieb er auf der obersten Stufe liegen und verfluchte sein Schicksal. Dann richtete er sich auf und rutschte ein Stück weiter, bis er die heruntergefallene Fackel ergreifen konnte. Er lehnte sich neben sie und zog den Stiefel aus, um den verletzten Knöchel zu untersuchen.
Sobald er seinen Fuß auch nur einen Millimeter bewegte, brauste höllische Pein wie eine Feuersbrunst durch den gesamten Unterschenkel. Der Paladin stöhnte auf. So konnte er nicht weitergehen. Aber er musste! Was sollte er bloß tun? In Gedanken sah er wieder die körperlosen Schatten vor sich, erkannte sein eigenes, abgemagertes Zerrbild, ein stöhnendes Nebelwesen, auf ewig dazu verdammt in den finsteren Gängen umherzuspuken. So durfte es nicht enden!

"Das ist nicht Recht!" krächzte er in die Dunkelheit. "Nicht hier! Nicht so!"
Mit verzweifelter Wut starrte er auf seinen Knöchel, flehte Innos um ein Wunder an, während er gleichzeitig seinem Fuß befahl, wieder ganz zu werden. Tränen des Schmerzes liefen ihm über die Wangen, als eine glühende Feuerblüte in seiner Brust zu entstehen schien, ihre Fühler genährt von Arsons eigener Todesangst durch das verletzte Bein schickte und sich um das peinvolle Zentrum des Bruches schloss. Der Paladin brüllte auf, starrte jedoch immer weiter auf den Knöchel, während er sich vorstellte, wie sich ein gesunder Fuß anzufühlen hatte. Der Schmerz verebbte. Der junge Krieger betastete seinen Knöchel.
Er konnte das Gelenk einigermaßen bewegen, obwohl jede Veränderung der Stellung schmerzte. Seines Erachtens war nichts gebrochen - nicht mehr! Der Paladin murmelte ein leises Dankgebet an alle Götter dieser Welt, streifte das Hemd über den Kopf und riss einen weiteren Streifen davon herunter. Er wickelte den Stoff so eng wie möglich um Fuß und Knöchel, schlüpfte wieder in seinen Stiefel und versuchte aufzutreten. Er konnte gehen, aber es würde weh tun.

Geh trotzdem. Was bleibt dir anderes übrig? Sei froh, dass deine Knochen wieder heil sind.
Hinkend begann Arson den Abstieg.
26.05.2003, 12:13 #9
Arson
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Arson hatte gehofft, die Stufen würden ihn an einen Ort führen, der der Wirklichkeit näher wäre als die endlosen, sinnlosen Tunnel. Aber je wirklicher seine Umgebung wurde, desto unwirklicher wurde sie zugleich.
Nach mehreren Dutzend kleiner, aber schmerzhafter Abstiege hörte die Treppe auf, und der junge Paladin humpelte durch ein zackiges Loch in einen anderen Gang, einen Weg, der einen ganz anderen Eindruck erweckte, als die Tunnel, die er bisher durchwandert hatte. Zwar überwuchert vom Moos und fast schwarzverkrustet vom Staub der Jahrhunderte, bestand er nichtsdestoweniger aus sorgfältig behauenem und geglättetem Stein, und die Wände waren mit Meißelarbeiten reich verziert. Starrte Arson diese Ornamente allerdings länger als einen Augenblick lang an, so begannen die Steinbilder am Rande seines Gesichtsfeldes zu schimmern und sich zu bewegen, als seien sie keine Gebilde aus Stein, sondern eine Art pergamentdünner Wesen, fadenschlank. Auch Wände und Boden hatten etwas Fließendes; wenn der mühsam vorwärtsstapfende Recke einen Moment zur Seite sah, von einer neuen, verschwommenen Bewegung im Augenwinkel verlockt, oder wenn das Flackern der Fackelflamme ihn ablenkte, war es, als veränderten sie sich. Der lange, ebene Gang führte auf einmal schräg aufwärts und erschien schmaler. Drehte Arson sich dann um und sah erst danach wieder hin, war alles wieder wie zuvor.
Aber das waren nicht die einzigen Streiche, die seine Umgebung ihm spielte. Die Geräusche, die er früher schon vernommen hatte, kehrten zurück, Stimmen und rauschendes Wasser, vermehrt um eine fremdklingende, abstrakte Musik, die keinen Ursprung zu haben schien und die sich anhörte wie von Geistern gespielt. Unerwartete Düfte strömten auf den Paladin ein, ein jäher Schwall lieblicher, blumiger Luft, die rasch wieder feuchter Leere wich, nur um gleich darauf vom scharfen Geruch nach Verbranntem verdrängt zu werden.
Es war zuviel für Arson. Am liebsten hätte er sich hingelegt und geschlafen, um beim Erwachen alles fest und unveränderlich vorzufinden. Selbst die Eintönigkeit der höheren Tunnel war dieser Atmosphäre vorzuziehen. Es war, als wandere er am Grund des meeres dahin, wo Strömungen und schwankendes Licht die Dinge wogen und tanzen und schimmern ließen.

Wie lange glaubst du in der Erde umherstreifen zu können, Narr, bevor du wahnsinnig wirst?
"Ich werde nicht wahnsinnig." antwortete er sich selbst. "Ich bin nur müde. Müde und durstig."
Wenn es nur nicht überall diese Wassergeräusche gäbe. Sie machen alles nur noch schlimmer.
Er holte etwas Moos aus der Tasche und kaute es ihm gehen, zwang sich, das widerwärtige Zeug hinunterzuschlucken. Es bestand kein Zweifel, dass er auf einen Ort gestoßen war, an dem einmal Menschen...oder sonst jemand...gewohnt hatten. Die Decke über ihm wölbte sich höher, unter Geröll und Staub lag ebener Boden, und die Quergänge, fast alle von Steinen und Erde verschüttet, waren von gemeißelten Bögen eingefasst, schmutzig und so abgewetzt, dass sie glatt wie Kiesel aussahen, jedoch eindeutig die Werke begabter Baukunst.
Vor einem dieser Eingänge blieb Arson einen Augenblick stehen, um seinem schmerzenden Knöchel Ruhe zu gönnen. Er schaute die Anhäufung von Steinen und Erde an, die die Öffnung verstopfte, und während er so daraufblickte, schien der Erdhaufen plötzlich dunkler und schließlich schwarz zu werden. Inmitten der Schwärze blühte ein kleines Licht auf, und der junge Krieger hatte auf einmal das Gefühl, durch eine Tür zu sehen.
Er trat einen Schritt näher. In der Dunkelheit erkannte er einzelnen, leuchtenden Fleck, eine mattschimmernde Kugel aus Licht. Davor, in schwaches Glühen getaucht, ein...Gesicht. Arson schnappte nach Luft. Das Antlitz hob sich, als hätte der dort in fast völliger Finsternis Sitzende ihn gehört, aber die hochgeschrägten Mandelaugen blickten ihn nicht an, sondern starrten an ihm vorbei. Es waren keine menschlichen Züge, und der Paladin fühlte sich gegen seinen Willen an das bösartige Wesen aus der Burg erinnert, so zumindest schien es ihm in der kurzen Sekunde seiner Wahrnehmung, und in den leuchtenden Augen lag eine Welt von unendlichem Schmerz und Leid. Er sah, wie die Lippen sich sprechend bewegten, die Brauen in trauriger Frage hochgezogen wurden. Dann verschwamm das Dunkel, das Licht erlosch, und der Streiter stand da, die Nase nur fingerbreit von einem Eingang entfernt, der von Geröll verschüttet war.

Trocken. Trocken. Tot. Tot.
Ein Schluchzen saß ihm in der Kehle. Er wandte sich wieder dem langen Gang zu.
26.05.2003, 12:34 #10
Arson
Beiträge: 687

Arson wusste nicht, wie lange er schon so in die Flamme seiner Fackel gestarrt hatte. Sie schwankte vor seinen Augen, ein Weltall aus gelbem Licht. Nur mit größter Anstrengung konnte er den Blick von ihr losreißen.
Die Wände zu beiden Seiten waren zu Wasser geworden.
Der junge Paladin blieb in staunender Bewunderung stehen. Irgendwie hatte sich der Tunnelboden in einen schmalen Steg über einer unendlichen Schwärze verwandelt, waren die Wände zurückgewichen; dort, wo er stand, berührten sie den Boden nicht mehr, und ihre steinerne Verkleidung war vollständig verdeckt von herabströmenden, breiten Wasserbändern. Er konnte hören, wie es hinab ins Leere rauschte und sehen, wie sich die spielende Fackel unruhig in der flüssigen Weite spiegelte.
Arson trat an den Rand des Steges und streckte seine Hand aus. Seine Finger berührten nichts. Er spürte einen feinen Nebel an den Fingerspitzen, und als er die Hand zurückzog und an seinen Mund führte, schmeckte er ganz schwach eine feuchte Süße. Wieder lehnte er sich hinaus, schwankte gefährlich über dem Abgrund und konnte doch keine Kuppe in das rieselnde Wasser tauchen. Wütend begann er zu fluchen. Wenn er doch nur eine Schale hätte, einen Becher, einen Löffel!

Denk nach, Narr! Benutz deinen Verstand.
Nach kurzem Überlegen setzte er die Fackel auf den Steg und zerrte sich das verlumpte Hemd über den Kopf. Er ging in die Knie, hielt den einen Ärmel fest und warf das Hemd so weit hinaus, wie es ging. Es berührte ganz leicht den Wasserfall und wurde sofort nach unten gezogen. Arson riss es zurück, sein Herz klopfte schneller, als er merkte, wie schwer der Stoff geworden war. Er warf den Kopf in den Nacken und presste das nasse Bündel an den Mund. Die ersten Tropfen schmeckten wie Honig auf der Zunge.
Das Licht flackerte. Der ganze langgestreckte Raum schien zur Seite zu kippen. Das Rauschen des Wassers schwoll an und verzischte im Schweigen.
Arsons Mund war voller Staub.
Er würgte und spuckte, spuckte wieder, fiel vor Schreck und Wut flach hin und fletschte die Zähne wie ein Tier mit einem Dorn in der Seite. Als er aufblickte, konnte er immer noch die Wände sehen, auch die Lücke, die zwischen ihnen und dem Steg klaffte, auf dem er kauerte -, aber es gab kein strömendes Wasser, nur einen etwas helleren Fleck auf der Steinmauer, dort, wo sein Hemd den Schmutz mehrerer Jahrhunderte abgeklopft hatte.
Ein tränenloses Schluchzen schüttelte den einst so stolzen Krieger, als er sich die Schmiere aus dem Gesicht wischte und die letzten Erdkrumen von seiner angeschwollenen Zunge rieb. Er versuchte ein wenig Moos zu essen, um den Staubgeschmack loszuwerden, aber es schmeckte so widerlich, dass ihm beinahe wieder übel wurde. Er spuckte den blättrigen Klumpen in den Abgrund.

Oh Innos, was ist das für ein verfluchter, spukhafter Ort? Wo bin ich?
Ich bin allein. Allein.
Noch immer zitternd kam er auf die Füße. Er wollte einen sicheren Ort suchen, um sich eine Weile hinzulegen und zu schlafen. Hier musste er weg. Es gab kein Wasser. Und auch keine Sicherheit.
Leise Stimmen hoch oben in den Schatten der gewölbten Decke sangen Worte, die er nicht verstand. Ein Wind, den er nicht spüren konnte, ließ die Flamme der Fackel tanzen.
26.05.2003, 13:09 #11
Arson
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Lebe ich noch?
Ja, ich lebe. Ich bin Arson, ich lebe, und ich werde nicht aufgeben. Ich bin kein Geist.
Er hatte noch zweimal geschlafen und dazwischen soviel von dem bitteren Moos gekaut, dass er nicht zusammenbrach. Mehr als die Hälfte der ölgetränkten Lappen hatte er verbraucht, um die Fackel am Brennen zu halten. Es fiel ihm schwer, sich an die Zeit zu erinnern, als er Welt nicht im Schein einer blakenden Fackel erblickt und ebendiese Welt nicht aus menschenleeren Steingängen und wispernden, körperlosen Stimmen bestanden hatte.
Ich bin Arson. ermahnte er sich selbst. Ich stand einem Drachen gegenüber, ich kämpfte gegen die Horden der Orks. Ich bin wirklich.
Wie im Traum wanderte er durch die Hallen und Korridore einer riesigen Burg. In lichten Momenten, kurz wie weißgrelle Blitze, konnte er sie von Leben erfüllt sehen, die Säle voller silberweißer Gesichter, die Wände aus hellem, schimmerndem Stein, in dem sich die Farben des Himmels spiegelten. Es war ein ort wie kein Anderer, mit in steinernen Rinne gefangenen Bächen, die von einem Raum zu anderen liefen, mit Wasserfällen, die von Zimmerwänden herabschäumten. Aber soviel es auch plätscherte, es blieb Traumwasser. Jedesmal, wenn er danach griff, wurde das Versprechen unter seiner hand zu Schmutz und Sand; die Wände verdunkelten sich und sackten zusammen, das Licht wurde trübe, das herrliche Maßwerk bröckelte, und Arson fand sich in zerstörten Hallen aus Stein wieder, ein heimatloser Geist in einem endlosen Grabmal.

Hier haben die Sithi gelebt. Das war Asu'a, das leuchtende Asu'a. Und auf irgendeine Weise sind sie immer noch hier...als träumten selbst die Steine von uralter Zeit.
Ein giftig verführerischer Gedanke wollte sich in seinen Kopf schleichen. Er war ein Paladin, ein Streiter des Lichts, er hatte Verbindung zu den höheren Sphären der Magie. Vielleicht fand er einen Weg um in diese Welt der Träume...hinüberzugehen. Er würde direkt hineingehen, im herrlichen Asu'a wohnen und sein Gesicht in die lebendigen Bäche tauchen, die es durchzogen - und dann würden sie nicht mehr zu Staub werden. Er würde in Asu'a leben und nie mehr in diese dunkle, gespenstische Welt bröckelnder Schatten zurückkehren.
Seine Freunde nie wiedersehen? Alle Pflichten vergessen?
Aber das Asu'a seines Traums war so wundervoll. In den flackernden Augenblicken seines Erscheinens konnte er Rosen und andere erstaunlich bunte Blumen sehen. Sie rankten sich an den Wänden empor, um in der Sonne zu baden, die durch die hohen Fester hereinfiel. Er konnte die Sithi sehen, das Traumvolk, das hier wohnte, anmutig und fremdartig wie farbig gefiederte Vögel. Der Traum zeigte ihm eine Zeit, bevor die Artgenossen des jungen Paladins das größte Haus der Schönen zerstört hatten. Bestimmt würden die Unsterblichen doch einen verirrten Wanderer aufnehmen... Oh gütiger Innos, würden sie ihn willkommen heißen, wenn er aus dem Dunkel zu ihnen kam?
Müde und schwach, wie er war, stolperte Arson über eine lose Bodenplatte und stürzte auf Hände und Knie. Sein Herz lag wie ein Amboss in der Brust. Er konnte kein Glied mehr rühren, keinen Schritt mehr laufen. Alles war besser als diese wahnsinnige Einsamkeit.
Der weite Saal vor ihm wogte, verschwand jedoch nicht. Eine der Gestalten aus der Nebelwolke sich bewegender Formen wurde deutlicher. Es war eine Sitha, deren Haut so silbrig rein war wie Mondlicht. Ihr haar glich einer Wolke aus meereswassertiefem Blau. Sie stand zwischen zwei vielfach geschlungenen Bäumen, schwer von güldenen Früchten, und wandte den Blick ganz langsam Arson zu. Sie hielt inne. Ein seltsamer Ausdruck trat auf ihr Gesicht, als höre sie an einem einsamen Ort eine Stimme ihren Namen rufen.

"Könnt Ihr...könnt Ihr mich sehen?" keuchte der junge Krieger und kroch auf sie zu. Die Sitha fuhr fort, auf die Stelle zu starren, an der er eben noch gewesen war.
Entsetzen durchzuckte Arson. Er hatte sie verloren! Seine Glieder wurden zu Wasser, und er fiel flach auf den Bauch. Hinter der Blauhaarigen funkelte ein Spingbrunnen. Die tropfen, die im schrägen Licht der Fenster aufsprühten, glitzerten wie Juwelen. Die Frau schloss die Augen, und der Paladin fühlte am äußersten Rand seines Geistes eine fragende Berührung. Sie schien nur wenige Schritte vor ihm zu stehen und war doch so fern wie ein Stern am Himmel.

"Seht Ihr mich denn nicht?"heulte er. "Ich möchte zu Euch! Laßt mich ein!"
Sie stand reglos da wie ein Standbild, die Hände vor dem Leib gefaltet. Das Zimmer mit den hohen Fenstern wurde dunkel, bis sie allein inmitten einer Stahlenden Säule zurückblieb. Etwas streifte Arsons Gedanken, leicht wie Spinnentritt, sacht wie Schmetterlingsatem.
Geh zurück, Kleiner. Geh zurück und lebe.
Dann schlug sie die Augen wieder auf und sah ihn an. In ihrem Blick lag eine so unendliche und gütige Weisheit, dass Arson sich gehoben, getragen und gekannt fühlte. Doch ihre Worte waren bitter für ihn.
"Das hier ist nicht für dich."
Sie begann zu verblassen. Der Paladin brüllte auf, seine gepeinigten Muskeln spannten sich, während Tränen der Verzweiflung seine schmutzigen Wangen hinabrannen.
"Lass mich nicht allein! Geh nicht fort! Nimm mich mit, ich bitte dich!"
Wieder brach der junge Recke zusammen, klatschte einem nassen Sack gleich auf die staubigen Bodenkacheln. Sein Atem kam stoßweise und gequält, mehr ein ersticktes Röcheln als ein richtiger Lungenzug.
Ich sterbe. dachte er. Die Erkenntnis war von so erschreckender Klarheit, dass Arson sie nicht verarbeiten konnte. Ich sterbe, hilflos und allein, inmitten einer Welt aus Staub. Oh Innos, warum darf ich nicht bei meinen Freunden sein? Ich möchte nicht in Einsamkeit sterben...
Der Paladin bemerkte nicht mehr, wie sich die gewaltige Steinhalle allmählich erhellte, konnte die leisen Schritte auf dem Steinboden nicht hören, und als feingliedrige Hände ihn mit sanfter Energie anhoben und forttrugen, hatte sich sein Geist längst in der Dunkelheit der Bewusstlosigkeit verloren...
26.05.2003, 15:55 #12
Arson
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Feuchte Dunkelheit überall um ihn herum. Kalte Goblinhände kratzten nach seinem Gesicht. Tropfender Staub hüllte sein Antlitz ein, nahm ihm den Atem, drohte ihn zu ersticken. Von weither erklang glockenhelles Gelächter. Haestan trat an ihn heran, das bärtige Gesicht zu einem vergnügten Grinsen verzogen. Hinter ihm verdichtete sich der Schatten. Arson wollte schreien, ihn warnen, doch der Staub drang in seine Kehle, bedeckte seine Stimmbänder und ließ ihn verstummen. Das Blitzen von Stahl, dann ein Meer aus Blut.

Arson erwachte. Ruckartig schlug er die Augen auf, angstvoll starrten die geweiteten Pupillen in verschwommene Helligkeit, seine Finger zuckten, rasender Schmerz durchfuhr ihn bei jeder Bewegung, ließ ihn augenblicklich wieder erschlaffen. Langsam klärte sich das verwaschene Bild, aus dem gestaltlosen Hell wurde ein rosiges, feinmaschiges Seidentuch, durch dessen dünnen Körper sanfte Lichtstrahlen fielen. Der Duft von frischem Gras und exotischen Blumen stieg dem jungen Paladin in die Nase. Langsam wandte er den Kopf. Tatsächlich, er lag auf einem dicken, wundervoll weichen Grasteppich. In wenigen Metern Entfernung konnte er ein weiteres, hellblaues Tuch sehen, welches vom Boden senkrecht nach oben verlief, offensichtlich an irgendwelchen Stangen oder Bäumen aufgespannt, die jenseits von Arsons Blickfeld standen. Auf der anderen Seite bot sich dem verletzten Jüngling dasselbe Bild. Der Raum, in dem er sich befand, war also nichts weiter als einige wunderschöne, dünne Seidentücher, die man auf der grasbewachsenen Erde aufgespannt hatte. Und trotzdem fühlte der Paladin sich so warm und behaglich, als läge er in einem großen Federbett direkt neben einem gut beheizten Kamin.
Eine Bewegung in den Augenwinkeln erregte seine Aufmerksamkeit. Mit sichtlicher Anstrengung drehte er sein Haupt, nur um das Gesicht dann in einem Ausdruck unendlich erschöpfter, jedoch vollkommener Überraschung zu verziehen. Er sah ein Gesicht. Nein, das musste eine Täuschung sein. Er blinzelte. Das Antlitz blieb, silbrig glänzende Pupillen blickten ihn aus geschwungenen, mandelförmigen Augen an, welche sich perfekt in die unglaublich feinen, unwirklich asketisch wirkenden Gesichts einpassten, es so zu einer Komposition von übermenschlicher Schönheit machte.

„Bist du….wirklich?“ Arsons Stimme war nicht mehr als ein leises Flüstern, wispernd und kraftlos wie ein hauchzarter Sommerwind. Die wundervollen Lippen des Wesens öffneten sich zu einem schmalen Lächeln. Etwas Schöneres hatte der Paladin in seinem Leben noch nicht gesehen.
„Ja, ich bin wirklich. Du musst ruhen, Sudhoda’yo.“
Der verletzte Streiter Innos runzelte verwirrt die Stirn.
„Was?“
Eine zarte, feingliedrige Hand strich ihm über die Wange. Arson spürte, wie ein wohliger Schauer durch seinen zerschlagenen Körper lief, und die Schmerzen ein wenig nachließen.
„Das bedeutet > Kind des Sonnenunterganges <. So nennen wir euch Menschen in unserer Sprache. Und nun schlaf…“
Die Finger fuhren über seine Augen, trugen den Paladin in einen tiefen, traumlosen Schlaf der Erholung.
27.05.2003, 11:05 #13
Arson
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Die nächsten Tage waren für Arson nicht mehr als ein fiebriger Wachtraum. Die meiste Zeit verbrachte er reglos im weichen Sommergras liegend, die Augen geschlossen, den Geist in der unendlichen Weite eines tiefen Erholungsschlafes treibend. Die kurzen Perioden, in dem er aufwachte, waren lediglich verwaschene Eindrücke sanfter Farben, das Gefühl warmer Sonnenstrahlen auf der zerkratzten Haut und das Aroma exotischer Blumenblüten in der Nase. Jemand gab ihm zu essen und zu trinken, der junge Paladin nahm an, dass es dieselbe Sitha war, die ihn auch bei seinem ersten Erwachen begrüßt hatte, doch mit Sicherheit konnte er das nicht sagen, war er doch zu erschöpft, um seine Pupillen für längere Zeit auf irgendeinen Gegenstand fixieren zu können.
Dann, Arson wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, besiegte sein Körper die schweren Nachwirkungen der langen Wanderung durch die lichtlosen Katakomben der Burg Asu'a. Er schlug die Augen auf, blickte auf den vertraut-fremdartigen Umriss des flappenden Tuchdaches, und bewegte das erste Mal seit Tagen seine Arme. Sie fühlten sich schwer und klobig an, doch der sengende Schmerz, den er fast schon erwartet hatte, blieb aus. Es war, als sei ein dicker Schleier von seinem Geist genommen worden, die zäh dahinfließenden Gedanken waren das erste Mal von ihren Staudämmen befreit, strömten ungehindert durch den Kopf des Menschenkriegers, sogen die Eindrücke der neuen Umgebung auf die ein trockener Schwamm das Wasser. Jetzt erkannte der Paladin auch den Grund seines Erwachens. Ein Lied, leicht und wohlklingend, fließend und klar wie das silbrige Wasser eines kleinen Gebirgsbaches, tanzte durch den Tücherraum, umgarnte Arsons Ohren, weiche Finger, die die gequälte Seele des Streiters liebkosten, ihr ihre alte Kraft zurückgaben. Er drückte die Arme durch und stützte sich auf die Ellenbogen, um seinen Kopf zu heben.
Neben ihm, unweit des Ausganges, der einfach aus einer Aussparung in der Tuchwand bestand, saß die wunderschöne Sithifrau und sang. Die Mandelaugen geschlossen, die Beine überschlagen, saß sie da, ihr schlanker, perfekter Körper in einen durschimmernden Hauch von Nichts gekleidet. Das lose, violett glänzende Haar fiel frei und ungebändigt über die weißen Hügel ihrer Schultern, unterstrich die Linien ihres Leibes damit auf eine dezente, äußerst reizvolle Art und Weise.
Zu keiner Regung fähig, lag Arson einfach nur da, die Augen weit geöffnet, und lauschte der unbekannten Melodie der Sitha. Als sie schließlich endete, meinte der Paladin, ihre Worte noch immer in seinem Geist nachhallen hören zu können. Die bleichen Lider öffneten sich, und silbrig glitzernde Pupillen sahen den Menschenkrieger mit unergründlichem Ausdruck an. Die fein geschwungenen Lippen öffneten sich zu einem schmalen Lächeln. Arson fühlte, wie sich die Härchen an seinen Armen aufstellten.

"Du bist wach. Das freut mich."
Die Stimme der Frau war wie geschmolzenes Gold, fließend und angenehm. Einige Sekunden lang wusste der Paladin nicht, was er antworten sollte, rang sich dann jedoch zu einigen verlegen klingenden Sätzen durch.
"Ich...danke Euch für meine Rettung. Ich dachte schon, meine letzte Stunde hätte geschlagen."
Das Lächeln der Sihta blieb weiterhin unergründlich, ihre Augen waren tiefe Teiche der warmen Ungewissheit.
"Das war auch so, Menschenkind."
-"Ihr...seid eine Sitha, oder?" Kaum hatte er die Frage ausgesprochen, kam Arson sich auch schon dumm vor. Die Frau nickte jedoch freundlich.
"Du bist nun in der Obhut von Jao'y'tinukeda'ya, der Stadt des ewigen Sommers."
"Ewiger Sommer?" Arson runzelte die Stirn und blickte auf das Gras zwischen seinen Fingern. Er wusste zwar nicht, ob dieser Zustand ewig war, aber dieses saftige Grün konnte eigentlich nur durch beständige Sommertemperaturen geschaffen werden. "Eine Stadt der Sithi? Hier leben noch mehr? Ich dachte...ich dachte..."
-"Du dachtest unsere Art wäre ausgelöscht."
Das Lächeln der Frau wurde um eine Winzigkeit schmaler.
"Viel hat nicht gefehlt. Doch hier haben sie uns nicht gefunden..."
Die Augen der Sitha erstrahlten wieder in ihrer üblichen Helligkeit.
"Doch dies ist eine Geschichte für lange Spaziergänge. Dazu bist du allerdings noch nicht fähig, Menschenkind."
Arson ließ sich wieder auf den Rücken sinken und starrte an die Decke. Menschenkind. Das klang seltsam hilflos.
"Mein Name ist Arson."
Die Sithifrau kam geschmeidig auf die Beine. Die dünnen Tuchgewänder, die ihren Körper mehr entblößten als dass sie ihn verhüllten, raschelten leise, als sie sich streckte. Dem Paladin kamen seltsame Assoziationen zu einer Raubkatze, die in der Sonne gedöst hatte, um nun auf die Jagd zu gehen. Ohne genau zu wissen warum glaubte Arson, dass die Sitha für ihre Art noch sehr jung sein musste.
"Ich heiße Aditu. Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen, Arson."
Das erste Mal entblößte das weibliche Wesen ihre ebenmäßig weiß blitzenden Zähne zu einem vollen Lächeln, bevor sie sich in einer fließenden Bewegung umwandte und auf den Ausgang des kleinen Raumes zutrat. Ihr langes Haar wogte und wallte wie ein weiteres, schweres Seidentuch.
"Ruh dich nun aus. Ich werde Erste Großmutter von deinem Erwachen berichten."
-"Erste Großmutter?"
Die Sitha drehte sich noch einmal um.
"Du würdest sagen >die Stadtälteste<. Schlaf nun, süßer Arson, ich bin bald zurück."
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, da war sie auch schon verschwunden. Der Paladin schloss die Augen. Ein Lächeln stahl sich auf seine Züge. "Süßer Arson". Das letzte Mal, als er so genannt wurde, war er noch Bauerssohn in einem kleinen Hirtendorf gewesen. Und die Frau, die es gesagt hatte, konnte in keinster Weise mit dieser vollkommenen Sitha konkurrieren. Der junge Krieger begann sich wohlzufühlen, in der Stadt des ewigen Sommers…
28.05.2003, 11:37 #14
Arson
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Als die Sonnenstrahlen den jungen Krieger das nächste Mal weckten, fühlte er sich bereits deutlich kräftiger. Vorsichtig richtete er sich auf seinem Ruhelager auf, stemmte sich langsam in eine sitzende Haltung, um sich dann in seiner kleinen Tuchkammer umzusehen. Er war allein, Aditu schien noch nicht wieder zurückgekehrt zu sein. Der junge Paladin wollte schon enttäuscht aufseufzen, als er die runden, abgeflachten Holzschüsseln neben sich erblickte. Die eine war gefüllt mit verschiedenen Früchten und Blütenblättern, während die andere das reinste Wasser enthielt, das Arson jemals gesehen hatte. Sein Magen meldete sich mit einem unzufriedenen Knurren. Er hatte einen Bärenhunger.
Wahllos griff der junge Mann in die erste Schüssel, nahm sich eine ovale, rötlich-gelbe Frucht, die ihn irgendwie an eine Kreuzung zwischen Apfel und Birne erinnerte. Als er prüfend hineinbiss schmeckte sie honigsüß. Mit dem Heißhunger eines soeben aus einer langen Krankheit Erwachten machte Arson sich über die dargebotene Nahrung her, trank dann das glitzernde Wasser in großen, gierigen Zügen. Es schmeckte wunderbar kühl, mit einem Aroma nach Stein und Sommersonne. Als auch diese Schüssel geleert war, schaute er zum Ausgang des Zimmers hinüber. Von hier aus konnte er nicht viel von dieser merkwürdigen Sithistadt erkennen, lediglich der schmale Ausschnitt einer von kleinen Kieswegen durchzogenen Graslandschaft, in deren hinteren Bereich sich eine Art Springbrunnen zu befinden schien, war zu erkennen. Langsam wurde der junge Paladin neugierig. Vorsichtig rutschte er auf die Knie, stemmte dann das rechte Bein in den Boden, atmete noch einmal tief durch, und kam schließlich auf die Füße. Erst jetzt, als er den leichten Stoff an seinen Beinen spürte bemerkte er, dass er lediglich mit einem etwa knielangen Rock bekleidet war, der ganz aus eben jenem rosafarbenem Stoff bestand, der auch das Dach seines Krankenzimmers bildete. Auf Brust und Armen waren die verkrusteten Stellen seiner Abschürfungen noch deutlich zu erkennen. Arson zuckte mit den Schultern. Sie würden heilen, und ein Rock war besser als nichts. Er hob den Kopf und fixierte den Ausgang. Langsam und bedächtig, immer darauf achtend, seinen noch schwachen Füßen nicht zuviel zuzumuten stakste er auf die Öffnung zu, bückte sich unter dem Stoff hindurch und trat schließlich ins Freie. Sofort spürte er, wie eine sanfte Sommerbrise seine Haut zu kitzeln begann, ihm Strähnen des eigenen langen, schwarzen Haares ins Gesicht wehte. Doch der Anblick der gigantischen Kuppelhalle, die sich vor ihm in scheinbar unendliche Weite erstreckte, ließ ihn diese Gefühle einstweilen vergessen. Die Halle war so gewaltig, dass Arson weder einen Anfang noch ein Ende ausmachen konnte. Lediglich links von ihm, in vielen Kilometern Entfernung, sah er den Schimmer von hochaufragendem Fels. Auch die Deckenkuppel war nicht zu sehen, stattdessen musste der Paladin geblendet die Augen schließen, da hoch oben am künstlichen Himmel, vermutlich im Zentrum der Halle, ein gleißender Lichtball schwebte, dessen Intensität und Wärme die natürliche Sonneneinstrahlung perfekt nachahmte. Der Boden war bewachsen mit Gras und hohen, weit ausladenden Bäumen, zwischen denen sich weiße Kieswege schlängelten. In die Äste hatte man bunte Seidentücher geknüpfte, die im Takt der Blätter sanft im Wind schaukelten. Überall, scheinbar in wahlloser Anordnung, standen weitere Tuchhäuser, viel größer und weitaus farbenprächtiger als Arsons Krankenzimmer, mit wehenden Bannern vor den Eingängen. Zur Mitte der Halle hin stieg der Boden leicht an, bildete einen Hügel, auf dessen Spitze ein großes, ganz aus weiß glitzerndem Stein erbautes Tempelgebäude errichtet worden war. Hinter diesem Tempel, auf der anderen Seite des Hügels, erblickte der junge Paladin die Umrisse eines großen, ebenfalls weißen Amphitheaters, zumindest sah es aus der Ferne diesen mächtigen Gebäuden ziemlich ähnlich.
Wasser schien eine große Rolle für die Sithi zu spielen. Durch die ganze Halle, oft nur wenige Zentimeter neben den Kieswegen, sprudelten kleine Bächlein, verjüngten und verbreiteten sich in zufälliger Abfolge, wurden überspannt von kunstvollen Marmorbrücken, und mündeten schließlich in eine glitzernde Seefläche, die der junge Paladin nur noch ansatzweise erkennen konnte, so weit war sie entfernt. Überall flanierten Sithi über die Wege, allein oder zu zweit, niemals aber in großen Gruppen, betrachteten die Pflanzen, beobachteten das Spiel der Bachläufe oder unterhielten sich in ihrer sanften, glockenhellen Sprache.
War dies das Jenseits? Arson runzelte die Stirn. Konnte diese Welt echt sein? War er nicht vielmehr schon tot und eingegangen in jene wundersamen Randbereiche der Unterwelt, die Innos persönlich seinem Bruder abgetrotzt und in einen Hort für alle rechtschaffenden Seelen verwandelt hatte? Die verkrusteten Wunden auf seiner Brust sprachen eine andere Sprache. Nein, dies musste die Wirklichkeit sein. Unglaublich, die Sithi lebten! Die Erkenntnis ließ den hochgewachsenen Krieger schwindeln. Bei Innos, das würde ihm niemals jemand glauben!

"Du wirst es hoffentlich auch niemandem erzählen."
Wie von der Tarantel gestochen fuhr Arson herum, blickte in das freundlich lächelnde Göttergesicht der Sithidame Aditu. Erst jetzt erkannte er, dass er die letzten Worte laut ausgesprochen hatte. Der Paladin errötete.
"Äh nein, natürlich nicht. Ich habe nur noch nie etwas so Wunderschönes gesehen." Ein vergnügtes, glockenhelles Lachen war die Antwort.
"Redest du von Jao'y'tinukeda'ya, oder sprichst du von mir?"
Arsons Wangen brannten. Hastig wandte er den Blick von Aditu, wurde sich peinlich bewusst, dass er die Sitha angestarrt hatte ein saftiges Stück Fleisch. Bei allen Göttern, wenn er sich nur zusammenreißen könnte! Nunja, jetzt war es geschehen, und er musste das Beste daraus machen.
"Ich... äh... rede natürlich von beidem. Verzeiht mir meine Unhöflichkeit, aber ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben eine echte Sitha."
Aditu tat die Bemerkung mit einer federleichten Handbewegung ab. Ihr Haar glitzerte in der Sonne, versuchte mit den silbernen Pupillen der Frau zu konkurrieren.
"Sei unbesorgt, Kind des Sonnenuntergangs, du bist nicht der erste, der auf diese Weise reagiert."
Sie ergriff seinen Arm und hakte sich wie selbstverständlich bei ihm unter.
"Lass uns ein wenig spazieren gehen. Du brauchst Bewegung, um zu Kräften zu kommen."
Schweigend wanderten sie die langen Kieswege der Sommerstadt entlang. Während Aditu sich am bloßen Anblick der Natur zu erfreuen schien, war Arson bemüht, die feurigen Blitze aus seinem Körper zu vertreiben, die die Berührung der Sitha bei ihm auslöste. Mehr um ihn selbst abzulenken als aus Neugier ergriff er schließlich das Wort.
"Wie kommt es eigentlich, dass Ihr meine Sprache sprecht?"
Sie blieben stehen, und die Sitha ging in die Knie, um die weißen, feingliedrigen Finger in das sprudelnde Bachwasser zu halten.
"Erste Großmutter meint, alle Zida'ya müssen in der Sprache der Sterblichen ausgebildet werden."
-"Zida'ya? Ist das das Wort für Sithi?"
Aditu blickte auf und lächelte den Paladin an.
"Du bist wirklich sehr schlau, das ist richtig. Zida'ya bedeutet > Kinder der Morgendämmerung <, aber das wirst du alles mit der Zeit lernen."
Jetzt war Arson wirklich verwirrt. Er sollte die Sprache der Sithi lernen? Das würde doch sicher sehr lange dauern. Zum ersten Mal dachte er wieder an seine Freunde in der wirklichen Welt. Einskaldir wartete auf ihn, und Sludig kämpfte einen aussichtslosen Kampf in dieser verfluchten Grafschaft Utanyeat. Er konnte sie nicht im Stich lassen.
"Es tut mir Leid, aber ich kann nicht lange bei euch bleiben. Ich muss zurück zu meinem Volk."
Die Sitha musterte ihren menschlichen Begleiter mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck, kam dann auf die Füße und hakte sich wieder unter.
"Hab keine Angst, Arson. Hier unten vergeht die Zeit weitaus schneller als oben, an der Oberfläche. Eine Woche in der Stadt des ewigen Sommers ist nicht mehr als einige Stunden unter dem freien Himmelszelt."
-"Was? Wie bei allen Göttern soll so etwas funktionieren?"
Aditu lächelte.
"Das werde ich dir bei Gelegenheit zeigen, junger Mensch."
Damit war der junge Paladin nicht wirklich zufrieden.
"Was hat das für einen Sinn? Wieso vergeht die Zeit hier so schnell?"
Die Sitha seufzte und schwieg einen Moment, als wüsste sie nicht so recht, ob sie es wirklich erzählen sollte. Dann ergriff sie jedoch das Wort.
"Um unsere Art zu erhalten. Du musst wissen, wir Sithi vermehren uns nur sehr langsam - zu langsam, als dass wir hätten jemals wieder auf eine angemessene Personenstärke kommen können, um an die Oberfläche zurückzukehren. Nur dank unseres Zaubers ist es uns vergönnt, die Zeit zu beschleunigen und uns so schneller zu entwickeln. Erste Großmutter sagt, dass es lediglich sieben Sithi waren, die sich in diese Gewölbe haben flüchten können. Inzwischen sind wir über fünfhundert, eine Zahl, die wir in normaler Zeitrechnung nur sehr schwer hätten erreichen können."
Das klang irgendwie einleuchtend. Aber Arsons Wissensdurst war noch nicht gestillt.
"Seid ihr wirklich unsterblich?"
Aditu zuckte mit den Schultern.
"Erste Großmutter sagt, dass jeder Sitha irgendwann sterben wird, aber ich habe noch keinen Todesfall miterlebt. Erste Großmutter selbst stammt noch aus der Zeit des Krieges gegen die Menschen. Sie war eine der > Sieben Gründer <."
Der junge Paladin nickte beeindruckt. Ein Wesen aus der Zeit von König Elvrit. Das war wirklich eine lange Zeitspanne. Welche Geschichten diese Frau zu erzählen hatte...
"Du wirst Erste Großmutter bald kennenlernen. Sie sagte, sie möchte die sprechen, sobald du gesundet bist."
Aditu schenkte ihrem Begleiter ein warmes Lächeln.
"Und ich denke, das bist du inzwischen. Ich kann fühlen, wie dein Körper vor Tatendrang zittert."
-Wenn du wüsstest, welcher Art dieser Tatendrang ist...
Natürlich sprach Arson diesen Gedanken nicht laut aus. Stattdessen nickte er nur.
"Es wäre mir eine Ehre, mit Erster Großmutter zu reden."
Die Sitha bog vom Hauptweg ab und führte den Paladin über eine der marmornen Brücken.
"Dann komm. Ich führe dich zu ihr."
01.06.2003, 11:24 #15
Arson
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Zuerst hatte Arson gedacht, Aditu würde ihn zu dem beeindruckenden Tempelgebäude auf der Hügelkuppe führen, doch schon bald merkte er, dass die Sitha sich am Fuße der Erhebung rechts hielt und einem kreisförmig um den Hügel verlaufenden Kiesweg folgte, von dem schließlich ein weiterer Pfad abzweigte, der wiederum in dem Eingang des größten Tuchgebäudes mündete, das Arson bisher erblickt hatte. Ein Spalier aus ebenmäßig weißen Holzstangen flankierten den Weg schon mehrere dutzend Meter vor dem Bauwerk, bunte Seide flappte in der leichten Sommerbrise, erweckte den Eindruck, die Tiere und Muster auf den Flaggen würden tatsächlich leben. Das Gebäude selbst bestand aus einer einzigen, verwirrenden Anordnung aus hohen Stoffbahnen, in deren Mitte sich ein riesenhafter Baumgigant erhob, dessen weitausladene Krone das gesamte Tuchgebilde überschattete. Von den dicken Ästen hingen merkwürdige, glitzernde Streifen herab, die der junge Paladin aus der Entfernung allerdings noch nicht genauer identifizieren konnte, deren silbrig-bunter Glanz aber eine seltsam beruhigende Wirkung auf ihn hatte.
"Das ist das Yásira, das Haus der Erinnerung."
Aditu lächelte ihren Begleiter an. Die silbernen Pupillen leuchteten.
"Hier versammeln sich die Sithi jeden Tag, um ihrer Ahnen zu gedenken und in sich zu kehren."
Arson starrte das Gebilde mit großen Augen an. Es war wirklich unglaublich, was dieses verloren geglaubte Volk für wundersame Werke zustande brachte. Wieder einmal kam der junge Paladin in seiner unzulänglichen Menschlichkeit sich klein und schäbig vor. Alle großen Erfindungen seiner eigenen Rasse schienen stets im Zusammenhang mit Krieg und Tod zu stehen, nichts, mit dem man sich hier rühmen könnte.
"Der Baum...er ist riesig."
Die Sitha nickte.
"Das ist das Herz des Yásira. Du wirst es verstehen, wenn wir die Halle der Erinnerung erreichen."
Aditu führte ihren Begleiter durch den hohen Torbogen und durch eine Unzahl an breiten, wogenden und flappenden Tuchkorridoren, bis sie schließlich auf einen gewaltigen Platz hinaustraten, in dessen Zentrum sich der mächtige Stamm des Gigantenbaums in den Boden bohrte. Die künstliche Sonnenscheibe war hier nicht mehr als das verhaltene Blitzen von Licht durch das dichte Blattwerk der Baumkrone. Ewige Dämmerung beherrschte diesen Ort, verlieh ihm eine ruhige, geheimnisvolle Ausstrahlung. Hier hingen auch die merkwürdigen Glitzerbänder, die Arson schon aus der Entfernung bemerkt zu haben glaubte.
Nur dass es keine einfachen Bänder waren. Ungläubig trat der Paladin näher an einen der Fäden heran, beugte sich vor, um die Struktur dieses sonderbaren Dinges genauer zu untersuchen. Nur dass es eben keine Struktur hatte, da es nicht nur ein Faden war. Es war eine Ansammlung tausender von leuchtenden Schmetterlingen, die sich dicht an dicht auf einem Band drängten, so dass von diesem kein Fingerbreit mehr zu sehen war, alles wurde verschluckt von der schieren Masse an bebender, hauchzarter Insektenflügel, in deren winziger Facetten sich das spärlich hereinfallende Sonnenlicht brach.

"Das sind die Boten der Erinnerung." Aditu legte einen ihrer schlanken Finger an das Band. Als sie ihn wieder wegzog, saß ein kleiner, silbrig glänzender Schmetterling auf ihrer Hand. Das Gesicht der Sitha hatte einen abwesenden Ausdruck angenommen, als sie das Insekt anschaute.
"Wir glauben, dass die Seele eines jeden Angehörigen unseres Volkes nach seinem Ableben in diesen Wesen wiedergeboren wird. Durch die Energie der Boten ist es uns möglich, Vergangenes und manchmal sogar Zukünftiges zu erblicken. Es hilft uns, nicht zu vergessen, was unserem Volk zugestoßen ist, uns gleichzeitig aber an die goldenen Zeiten der Freundschaft zwischen unseren Rassen zu erinnern."
-"Freundschaft?" Der junge Paladin runzelte die Stirn. Davon war in den Überlieferungen niemals die Rede gewesen.
"In frühen Jahren, kurz nachdem die Menschenkinder unter dem Himmelszelt zu wandeln begonnen hatten, lebten wir in Frieden mit ihnen. Es war eine schöne Zeit, damals gab es viele Sithi. Wir halfen den jungen Sterblichen, zeigten ihnen, wie man Kleidung nähte und Häuser baute. Leider waren die Menschen ein Volk des Krieges, in ihrer kurzen Lebensspanne entwickelten sie beachtliche Energien, für die sie ein Ventil suchten. Es dauerte nicht lange, bis sie anfingen, sich zu streiten und zu bekämpfen."
Aditu seufzte. Ein melancholisches Lächeln zierte ihr wunderschönes Antlitz.
"Aber auch dies ist eine Geschichte für Spaziergänge und Abende unter Freunden. Komm nun, Erste Großmutter erwartet dich."
Gemeinsam schritt das ungleiche Paar durch die gewaltige Halle, zwischen den Silberfäden hindurch und geradewegs auf den mächtigen Baumstamm zu. Vor dem riesigen Stamm, auf einem Podest aus natürlich gewachsenen Wurzeln, stand ein hochlehniger, kostbar gearbeiteter Thron aus weißem Marmor, ähnlich dem in der zerstörten Ruinenhalle von Asu'a. Der Unterschied war, das auf diesem Thron noch jemand saß. Noch ehe Arson das lange, blaue Haar, die bleiche Haut und das feingeschnittene Gesicht sah, wusste er, dieser Frau schon einmal begegnet zu sein. Es war die Sitha aus den Katakomben. Nach seinem Erwachen in der Stadt des ewigen Sommers hatte der Paladin gedacht, sich die Dame nur eingebildet zu haben, doch die Tatsache, dass sie hier saß, unverwechselbar in ihrer anmutigen Weisheit, beweis ihm das Gegenteil.
"Erste Großmutter, ich bringe dir den Menschen." Aditu neigte den Kopf. Arson beeilte sich, es ihr gleich zu tun.
"Arson, ich freue mich, dich wohlauf zu sehen."
Erste Großmutter lächelte. Im Gegensatz zu Aditus katzenhafter Geschmeidigkeit wirkte ihr Gesicht älter, die Haut ein wenig dünner, der Körper zerbrechlicher. Trotzdem war auch sie schöner als jede Frau der Menschen.
"Mein Name ist Amerasu, und ich führe die Kinder Inelukis, die letzten Überlebenden des Sithivolkes."
Ineluki. Der junge Paladin glaubte, diesen Namen irgendwo schon einmal gelesen zu haben, konnte den Gedanken jedoch nicht festnageln.
"Es ist mir eine große Ehre, Eure Bekanntschaft zu machen, erste Großmutter."
Arson verbeugte sich höflich vor der alten Sitha. Das Lächeln auf ihrem weißen Gesicht wurde um eine Winzigkeit breiter.
"Du bist wirklich schon deutlich kräftiger geworden. Fühlst du dich wohl, hier in Jao'y'tinukeda'ya?"
Der Menschenkrieger nickte und erwiderte das Lächeln.
"Ich bin tief beeindruckt von der Schönheit und der Kunstfertigkeit eurer Stadt."
-"Du wirst noch reichlich Gelegenheit haben, dich hier einzuleben, junger Mensch. Die Stadt des ewigen Sommers wird auch für dich genügend Möglichkeiten zur Zerstreuung bieten."
Arsons Lächeln machte einem leicht beunruhigten Gesichtsausdruck Platz.
"Nunja...ich...Ihr müsst wissen, meine Kameraden warten auf mich..."
Amerasu hob die Hand und lächelte den Paladin an.
"Aditu hat dir doch sicher schon von der Magie dieses Ortes erzählt. Sei unbesorgt, seit du hier ankamst, sind im Reich der Sterblichen nicht mehr als einige Stunden vergangen."
Der junge Paladin hoffte, dass dies der Wahrheit entsprach. Andererseits, konnten diese Wesen überhaupt lügen? Der junge Mann bezweifelte es.
"Aditu wird dir die Stadt zeigen, kleiner Mensch. Sie wird dich mit weiteren Sithi bekanntmachen und dich im Haus ihrer Familie aufnehmen. Ich hoffe dies ist zu deiner Zufriedenheit."
Arson konnte sich nichts vorstellen, was ihn mehr zufriedengestellt hätte. Mit Aditu unter einem Dach zu wohnen war ein wirklich gutes Argument, noch ein wenig bei den Sithi zu bleiben. Obwohl der Paladin die Dame erst wenige Tage lang kannte, konnte er sich nur noch schwerlich vorstellen, sie nie wieder zu sehen.
"Ich danke Euch, Erste Großmutter, Eure Gastfreundschaft ehrt mich."
Die Sithifrau lächelte den Jüngling an.
"Im Gegenteil, uns ehrt es, einen Abkömmling der Sterblichen in unseren Hallen begrüßen zu dürfen. Du bist der erste deiner Art, der in Jao'y'tinukeda'ya Eingang findet, und dein Verhalten erinnert uns an die Zeit der ersten Menschen zurück. Wären alle Menschen wie du, dann würden die Sithi wieder an das Tageslicht zurückkehren."
Obwohl Arson vor Verlegenheit rote Wangen bekam, wünschte er sich in Gedanken, die Unsterblichen würden diese Pläne wieder verwerfen. Er war sich sicher, dass die Menschen sie vernichten würden, sollten sie es wagen, zurückzukehren. Das menschliche Kollektiv vertrug nur einen gewissen Grad an Harmonie, und die Kultur der Sithi überschritt den Schwellwert bei Weitem.
"Geh nun, Arson, und lass die unsere Stadt zeigen. Mögen die Seelen der Ahnen wohlwollend auf den ersten Sterblichen in Jao'y'tinukeda'ya herablächeln."
Mit einer langsamen Geste entließ Amerasu die beiden ungleichen Wesen. Kaum hatten sie den Yásira verlassen, da hatte sich Aditu auch schon wieder bei ihm untergehakt. Die Sitha lächelte ihr Katzenlächeln.
"Komm nun, ich werde dich mit meinem Bruder bekanntmachen. Er ist ein großer Krieger, genau wie du."
Arson begann zu grinsen. Ein Krieger, eine verwandte Seele. Vielleicht waren die Sithi ja doch nicht ganz so anders wie er gedacht hatte.
Erwartungsvoll ließ er sich von seiner Begleiterin in die wundersame Welt des Schönen Volkes entführen.
01.06.2003, 20:45 #16
Arson
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"Das ist...phantastisch..."
Mit vor Staunen geweiteten Augen trat Arson durch den gigantischen Eingangsbogen des strahlend weißen Amphitheaters, bewunderte die spiegelglatten, haushohen Seitenwände und die zahllosen bestickten Seidentücher, Wimpel und Wappen, die überall an Holzständern, Wandhalterungen oder Deckenhaken flatterten. Die Schritte des jungen Paladins hallten hohl und übermäßig laut und dem riesenhaften Gewölbe, so dass er sich fast schon schämte, seine nackten Füße auf den makellosen Marmor zu stellen, da Aditus Bewegungen komischerweise so lautlos waren wie der sanfte Sommerwind, der die Stadt der Sithi einem Götteratmen gleich durchströmte. Die wunderschöne Dame lächelte Arson mit ihrem gewöhnt elektrisierenden Lächeln an.
"Es freut mich, dass es dir gefällt. Dies ist das Si'injan'dre, die Halle der Spiele. Hier findet unser Volk Zerstreuung bei den regelmäßigen Vorführungen der > Yakh Huyeru <, unserer Krieger."
Die Augenbrauen des Menschen wurden fragend in die Höhe gezogen.
"Eure Kämpfer geben Vorführungen? Meinst du Turniere?"
Aditu überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf.
"Es gibt kein Menschenwort für diese Art der Unterhaltung, aber > Yakh Huyeru < bedeutet in etwa > Klingentänzer <. Ist dieser Begriff dir hilfreich?"
-"Ich denke schon, ja."
Klingentänzer also. Vor seinem geistigen Auge sah Arson einige Sithi akrobatische Kunststücke mit Schwertern und Speeren vollführen. So etwas gab es bei den Menschen auch, doch waren derartige Schausteller selten gleichzeitig gute Krieger.
Schweigend ließ der Paladin sich durch den gewaltigen Korridor führen, trat schließlich durch ein riesenhaftes Tor, welches dem Eingangsportal in Größe und Machart deutlich ähnelte, in den gigantischen Arenakreis hinaus.
Der Anblick, der sich dem jungen Menschen bot, ließ ihn erneut innehalten. Der Platz, der sich vor ihm erstreckte, maß viele hundert Meter und war vollständig mit saftigem Gras bewachsen. Das kräftige Grün wurde des öfteren vom makellosen Weiß wuchtiger Steinmonolithen, kantiger Granitklötze oder anmutigen Marmorstatuen unterbrochen. Meterhohe Wände grenzten die Arena von den Zuschauerrängen ab, die sich in beständig ansteigenden Reihen an der Innenseite des Amphitheaters befanden.
Der Vorführungskreis war keineswegs verlassen. Flinke Gestalten huschten zwischen den steinernen Hindernissen umher, schlanke Körper sprangen geschmeidig durch die warme Sommerluft, trafen blitzartig aufeinander, um ihre geschickten Glieder in komplizierten Bewegungsabfolgen tanzen zu lassen. Immer wieder schlug Holz auf Holz, lange Haarsträhnen glitzerten im Sonnenlicht, dann lösten sich die Gestalten wieder voneinander, um sich von Neuem in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Arena zu jagen.

"Oh wir haben Glück. Sie trainieren gerade."
Aditu lächelte und zog sanft an Arsons Arm.
"Komm, ich zeige dir meinen Bruder."
Gemeinsam traten sie weiter in den Kreis hinein. Aditu rief irgendetwas in der unvergleichlich fließenden Sprache der Sithi, und die akrobatischen Krieger stoppten in ihrer Hatz, um allesamt fast synchron die Richtung zu ändern. Arson hielt den Atem an, als er sah, zu welchen Sprüngen die Sithi in der Lage waren. Ihre Körper mussten unglaublich leicht sein, anders konnte der Paladin sich die gewaltigen Sätze der Schönen nicht erklären. Geschmeidig drehten sich die bleichen Leiber in der Luft, Arme und Beine wurden gestreckt, dann landeten etwa ein dutzend Männer und Frauen im Gras vor Arson und seiner Begleiterin.
Im Gegensatz zu ihren Brüdern und Schwestern waren sie nicht in die typischen, hauchdünnen Tuchgewänder gekleidet, sondern trugen kurze Lendenröcke aus weißem Leder, die durch zwei gleichfarbige Ledergurte ergänzt wurden, die quer über die Oberkörper verliefen und sich in Höhe des Brustbeins überkreuzten. An schmalen Gürteln hingen schlanke, bräunlich-graue Schwerter aus einem merkwürdigen, holzartigen Material, in den Händen hielten sie lange Kampfstäbe.
Arson war wie paralysiert. Mit staunend geweiteten Pupillen starrte er die Sithikrieger an, versuchte sich eine ganze Armee dieser schlanken Wesen im Kampf vorzustellen. Bei allen Göttern, wie hatten sie besiegt werden können?
Der Paladin wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich der Sitha in der Mitte der Gruppe, offensichtlich ein Mann, leicht verbeugte und seinen Kameraden dann mit einem knappen Wink zu verstehen gab, mit den Übungen fortzufahren. Die Kämpfer verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.

"Ah, meine geliebte Schwester erfreut mich mit einem Besuch. Es ist schön, dich zu sehen, Mondblüte."
Aditu löste sich aus Arsons Arm und trat an den Sitha heran, um ihn sanft zu umarmen.
"Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, Weidengerte. Schau, wen ich mitgebracht habe."
Lächelnd deutete die Sithidame auf den noch immer sprachlos dastehenden Paladin. Langsam richteten sich die Augen des männlichen Unsterblichen auf den Menschensohn.
"Ah, ein Kind Elvrits. Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen. Mein Name ist Jiriki, und ich bin der erste Klingentänzer von Jao'y'tinukeda'ya."
Erst jetzt fand Arsons Gehirn die Kraft, seine Eindrücke zu verarbeiten. Zum ersten Mal musterte er den Sitha wirklich bewusst. Weiße Haare, schlanker Körper, silberne Augen und das fein geschnittene Gesicht zu einem unergründlichen Lächeln verzogen. Man sah ihm an, dass er Aditus Bruder war, obgleich sein Antlitz etwas kantiger und seine Schultern breiter waren als die seiner Schwester, so war er für menschliche Maßstäbe immer noch sehr zierlich. Der junge Paladin neigte sein Haupt.
"Es ist mir eine Ehre, Jiriki. Ich heiße Arson."
-"Arson also...sag, verstehst du dich im Kriegshandwerk, Arson?"
Jiriki musterte den Jüngling mit lächelnder Ruhe. Der hochgewachsene Streiter Innos nickte zögernd.
"In meinem Volk übe ich mich im Handwerk des Kriegers, ja. Ich muss aber gestehen, dass ich noch recht unerfahren bin."
Das Lächeln des Sitha blieb unverändert.
"Was hältst du von einem freunschafltichen Übungskampf?" Jiriki deutete auf einen der massigen Steinklötze, in dessen Schatten einige der merkwürdigen Waffen standen, die die Klingentänzer für ihr Training benutzten.
"Such dir eine Klinge aus, junger Freund."
Arson sah zu Aditu hinüber. Das wunderschöne Antlitz der Frau zeigte gespannte Erwartung, die silbrigen Pupillen glitzerten.
Wortlos schritt der Paladin zu den Waffen hinüber. Schlanke Stäbe, dünne Klingen und zierliche Doppelmesser standen zur Auswahl. Arson entschied sich für ein Schwert. Als er die Klinge hob, dachte er, einem Scherz zum Opfer gefallen zu sein.

"Die Klinge...sie ist fast ohne Gewicht."
Die beiden Sithi starrten den Menschen wortlos an, dann lachte Jiriki kurz auf.
"Es wundert mich nicht, dass es dir so erscheinen muss. Die Waffen der Sterblichen sind aus Stahl gemacht und für kräftige Menschenkrieger gefertigt worden. Dies hier sind Sithiklingen, und sie bestehen aus einem Material, dass eure Vorfahren stets als > Hexenholz < bezeichnet haben. Du musst wissen, junger Freund, unser Volk ist schwächer als Euresgleichen, unsere wahre Stärke liegt in unserer Wendigkeit. Deshalb sind unsere Waffen so leicht."
Arson nickte. Das klang einleuchtend.
Prüfend schwang er das Schwert ein paarmal durch die Luft, versuchte ein Gefühl für dieses ungewohnte Kriegsinstrument zu bekommen. Das Hexenholz fühlte sich glatt und kalt auf der Haut an. Schließlich nickte er Jiriki zu.

"Wohlan, ich bin bereit."
Schweigend warf der Sitha seinen Kampfstab zur Seite und zog das eigene Schwert aus seinem Gürtel. Reglos stand er da, eine schlanke Marmorgestalt, die silbernen Mandelaugen blitzten in der warmen Sommersonne. Sekunden vergingen, in denen Arson auf einen Angriff wartete, der jedoch nicht erfolgte. Jiriki stand abwartend im Gras, sein Körper scheinbar entspannt, das Schwert lässig in der rechten Hand haltend. Der Paladin spürte einen wütenden Stich in der Brust. Dieser Unsterbliche schien sich seiner Sache ja ziemlich sicher zu sein. Sollte er mal sehen, wie gelassen er mit einem Schwert an der Kehle war.
Arsons Muskeln spannten sich, die braune Haut der Oberarme wurde gewölbt, dann stürzte der Menschenkrieger ansatzlos nach vorn. Zischend flog das schlanke Einhandschwert durch die Luft, raste blitzartig auf den Sithigegner zu - und stieß ins Leere. Augenblicklich wirbelte Arson herum, doch hinter ihm war kein Jiriki. Der Paladin spürte die sanfte Berührung einer Fußspitze auf der Schulter, dann sah er den Sitha durch die Luft fliegen. Routiniert berechnete er den voraussichtlichen Landeort des schlanken Feindes, spurtete dann los, um seinen Kontrahenten rechtzeitig abzufangen. Wieder zuckte das Schwert nach vorn, Holz traf auf Holz, dann schoss Arsons Arm nach vorn, wurde von Jirikis erhobenem Ellenbogen abgeblockt. Ruckartig gingen die beiden Krieger auseinander, nur um im nächsten Augenblick wieder loszustürmen. Kraftvoll schwang der Paladin seine Waffe, wusste er doch, dass Stärke sein Trumpf in dieser Auseinandersetzung war. Mit einer routinierten Bewegung parierte Jiriki den Hieb, wurde jedoch von der Wucht der Attacke nach hinten gedrängt. Arson stürzte nach vorn, wollte den Sitha mit der Schulter rammen, doch der Unsterbliche rollte sich über den Rücken des Paladins und zog ihm mit einem geschickten Sicheltritt die Beine unter den Füßen weg. Klatschend landete Arson im weichen Arenagras und fluchte lautlos. Da hatte ihn dieser Klingentänzer aber ziemlich vorgeführt. So eine Niederlage hatte der junge Krieger das letzte Mal als naiver Novize im Sumpflager einstecken müssen.
Mit einem Satz kam der Jüngling wieder auf die Beine, sah erst zu Jirki, dann zu Aditu. Hoffentlich hielt die Sithifrau ihn nun nicht für einen Schwächling.

"Du bist wirklich gut, Freund Arson." Jirikis Stimme war sanft und freundlich. "Aus dir könnte ein trefflicher Klingentänzer werden."
-"Achwas, ich war unbeholfen und langsam. Du bist zu gut für mich, Jiriki."
Der Sitha lachte leise.
"Ja, in der Tat, das bin ich. Aber das liegt nicht daran, dass du ein Mensch bist und ich dem Volk der Sithi angehöre. Übung ist der Schlüssel. Ich kann dir beibringen, deine Technik zu verbessern, wenn du es wünschst."
Diesmal war es Aditu, die auflachte. Mit strahlendem Lächeln sah sie Arson an.
"Oh ja, Weidengerte, bring ihm bei, wie man kämpft. Ich möchte ihn im Si'injan'dre tanzen sehen. Der erste Mensch in unserer Halle der Spiele. Sicher wird er ein ganz vorzüglicher Yakh Huyeru."
Der Blick, mit dem die Sitha ihn musterte, trieb dem Paladin die Schamesröte ins Gesicht. Er fühlte sich auf sonderbare Art beflügelt, als wäre er selbst nun so federleicht wie die schlanken Klingen der Sithi.
"Es...wäre mir eine Ehre, von dir unterwiesen zu werden, Jiriki."
-"Nun gut, so sei es also. Triff mich morgen nach Beendigung der Andacht vor dem Yásira."
Mit einer geschmeidigen Verbeugung verabschiedete sich der Sithi von dem Paladin, nickte dann auch Aditu grüßend zu.
"Komm mich doch öfters besuchen, Mondblüte. Ich mag es, mich mit dir zu unterhalten."
-"Das werde ich tun. Auf bald, mein Bruder."
Die Sithidame ergriff Arsons Hand und führte in aus dem Arenakreis hinaus. Ihre Augen waren unergründliche Teiche endloser Freuden.
"Mir gefällt es, dass Jiriki dich unterrichtet."
Der Menschenkrieger rieb sich nachdenklich das Kinn.
"Ich bin mir nicht sicher, ob ich geeignet bin für diese Art des Kampfes..."
-"Natürlich bist du das, süßer Arson." Aditu drückte die Hand des Jünglings. Tausend Sonnen explodierten in dessen Kopf. Ihm wurde leicht schwindlig zumute, doch er kämpfte dagegen an.
"Wen...besuchen wir jetzt?"
-"Wir gehen zum Venyha Do'sae, unserem heiligen Tempel."
"Das Bauwerk auf der Hügelkuppe?"
Aditu nickte. "Ja. Dort wirst du auch sehen, wie der Zeitzauber wirkt, mit dem wir unsere Stadt umspannt haben."
-"Ich bin schon gespannt."
Langsam aber sicher kam Arson sich vor wie in einem dieser phantastischen Kindermärchen. Der Bauerssohn, der die Wunder der Götterwelt erleben durfte. In Gedanken sah er sich auf einem weißen Marmorthron sitzen, zu seinen Füßen die feiernde Sithimenge. War es nicht in allen Märchen so, dass der Bauer am Ende zum König wurde? Wer die Königin sein würde, das stand für den Paladin zumindest schon fest. Für diesen Ort hätte der junge Krieger alle Drachen des Universums erschlagen.
Grinsend vor sich hin träumend schlenderte Arson über die Kieswege der Stadt des ewigen Sommers, nicht ahnend, dass die unschuldige Freude schon bald getrübt werden würde...
02.06.2003, 10:41 #17
Arson
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Reglos und gelassen verharrten die beiden Wachen an ihren Posten, als Arson zusammen mit seiner Begleiterin Aditu das Tor der heiligen Hallen des Venyha Do'sae durchquerte. Der junge Paladin ließ es sich nicht nehmen, die gepanzerten Sithikrieger näher zu mustern. Im Gegensatz zu den Klingentänzern waren ihre schlanken Körper vollständig in weißes, an Brust und Schultern mit goldenen Emaillierungen verzierten Lederrüstungen gekleidet, an den wundervoll geschnitzten Speeren waren bunte Seidentücher befestigt, die seidig glänzenden Haare der Schönen waren mit goldenen Spangen in Tierform zurückgesteckt.
"Auch unsere Tempelwächter gehören den Yakh Huyeru an. Es bedeutet große Ehre, für den Dienst an den Toren dieser Hallen berufen zu werden."
Arson nickte langsam. Wie viele Parallelen es doch zwischen seinem Volk und der Rasse der Sithi gab. Dieser Tempel, mit seinen wuchtigen Marmorsäulen, zahllosen Wasserspeiern und geschmackvollen Meißelarbeiten hätte ein Werk der Menschen sein können, wenn auch die Baumeister der Sterblichen die vollendete Perfektion der Steinbearbeitung nicht in der Weise beherrschten wie die Sithi, so hatten sie im Laufe der Jahrhunderte doch einiges dazugelernt. Der junge Paladin hatte zwar noch nie die Hauptstadt Myrthanas besucht, ihr Prunk war jedoch legendär. Eine federleichte Berührung lenkte Arsons Gedanken in die Realität zurück. Wortlos ließ er sich von Aditu in die Eingangshalle des Venyha Do'sae führen. Wie schon zuvor im Amphitheater war dieser Raum riesig, die Decke befand sich dutzende Meter über ihren Köpfen, die Wände waren reich verziert und der Boden so blank, dass man sich darin spiegeln konnte. Zu beiden Seiten der Halle waren silberne, rechteckige Podeste in den Stein eingelassen, auf denen die Sithi wahrhaft prunkvolle Rüstungen ausgestellt hatten. Hierbei handelte es sich nicht um das weiße Leder der Wachen oder Klingentänzer, sondern um richtige Ganzkörperharnische, gefertigt aus einem Material, für das Arson keinen Namen hatte. Der Paladin zählte genau acht Rüstungen, eine jede einzigartig in ihrer Machart und Verzierung. Die auf dünnen Sockeln ausgestellten Helme stellten verschiedene Tierköpfe dar.
"Dies ist die Halle der Helden." Aditu lächelte ihren Begleiter an. "Was du siehst, sind die Rüstungen der sieben letzten Sithi, die es schafften, Elvrit zu trotzen und sich hierher zurückzuziehen."
Arson nickte, runzelte dann aber die Stirn und zählte die Panzer erneut.
"Es sind aber acht Harnische."
Das Lächeln der Sitha wurde um eine Winzigkeit schmaler.
"Ja. Komm, ich werde dir jeden Panzer vorstellen. Dann wirst du verstehen."
Gemeinsam wanderten sie zur ersten Rüstung hinüber. Sie war ganz aus strahlend weißem Material gefertigt und reich mit goldener Zierart bestückt worden. Über den Schulterstücken lag ein schimmernder, ebenfalls weißer Umhang. Der neben ihr thronende Helm stellte den Kopf eines Tigers dar.
"Dies ist > Himmelslied <, der Panzer von Erster Großmutter, Amerasu. Sie hat ihn in vielen Kämpfen gegen die Menschen getragen."
Arson trat näher an die Rüstung heran. Das Licht brach sich auf eine merkwürdige Weise auf den Rüstungsplatten, erinnerte den Paladin irgendwie an die schillernden Reflexe der Insektenleider im Sommer.
"Woraus, bestehen diese Panzer?"
Die Sitha seufzte leise.
"Aus einem Material, das wir heute leider nicht mehr herstellen können. Es ist eine Mischung aus Hexenholz und Erz, vereinigt durch einen komplizierten Zauber, dessen Anwendung uns seit dem Fall von Asu'a nicht mehr bekannt ist. Die Menschen benannten sie nach unseren Waffen mit dem schlichten Namen Hexenharnisch."
Fasziniert betrachtete Arson den schillernden Panzer. Langsam tastete seine Hand nach vorn, näherten sich dem Schulterstück, um es dann mit den Kuppen zu berühren. Erschrocken zog er die Hand wieder zurück und starrte seine Begleiterin voller Überraschung an.
"Ich habe...etwas gespürt."
In Aditus Augen blitzte es vergnügt.
"Du hast Himmelslieds Geist gespürt. Diese Rüstungen sind mehr als die stählernen Panzer eures Volkes, mein süßer kleiner Mensch. Sieh genauer hin."
Vorsichtig untersuchte der Paladin den Panzer, schreckte diesmal auch nicht mehr vor einer Berührung zurück. Das Gefühl, das der Hexenharnisch ihm vermittelte, war keineswegs unangenehm, vielmehr meinte der Paladin, die beruhigende Anwesenheit von etwas Freundlichem, Gutem zu spüren. Als er einen der Handschuhe lösen wollte, stellte er fest, dass dies unmöglich war. Die einzelnen Glieder des Panzers waren durch feine Bändchen und Fäden, so dünn wie Adern in einem Körper, miteinander verbunden.
"Sie lassen sich nicht trennen. Wie war es den Helden möglich, sie anzulegen?"
Aditu entblößte die Zähne zu einem Lächeln, dass dem Menschenkrieger das Blut in den Kopf trieb, dann wandte sie den Kopf und sah die Rüstung an.
"A-Genay'asu."
Kaum waren die Silben verklungen, da begannen die Panzerplatten sich zu bewegen, öffneten sich wie die Blüte einer Blume, gaben ihren Innenraum mit leisem, metallischem Schaben frei. Der Brustpanzer klappte nach Oben, Arm- und Beinschienen öffneten sich an zuvor unsichtbaren Nahtstellen, der Umhang entfaltete sich, fächerte auf und offenbarte sich als das, was er wirklich war - zwei einzelne Stränge vieler dünner, langer Seidenbänder, die sich nun nach allen Seiten ausstreckten, als wären es die Schwingen eines Vogels. War die Rüstung aussen weiß, so schillerte ihr Innenleben in allen Farben des Regenbogens. Arson sah ein feines Netz aus Adern über den bizarren Hexenstahl verlaufen, sich in Höhe der Schulterblätter zu einem Bündel vereinigen, wo wiederum als schmaler Stachel, nicht länger ein einzelnes Fingerglied, waagerecht in den Raum wies, in dem für gewöhnlich der Körper ihres Trägers steckte.
"Ich...Das ist...wirklich ganz unglaublich."Der junge Krieger war völlig hingerissen von der Schönheit dieses Rüstungswesens. Wieder einmal fragte er sich, wie ein Volk, das derartige Wunder beherrschte, von einer Horde haariger Nordbarbaren hatte besiegt werden können.
"O-Genay'osé."
Geschmeidig und annähernd lautlos klappte sich die Rüstung wieder zusammen, der Umhang legte sich um die Schultern und "Himmelslied" stand so unbewegt auf dem silbernen Podest wie zuvor. Aditu nahm Arsons Hand. Der hochgewachsene Streiter Innos' starrte noch immer ganz perplex auf den weiß-schillernden Harnisch.
"Komm, ich zeige dir auch die anderen."
Langsam gingen sie weiter, hielten vor jedem der sieben Panzer, und Arson ließ sich die Geschichte seines Trägers erzählen. Da gab es "Tränensee", ein tiefblau glänzender Panzer, dessen Helm einen Fischkopf darstellte, dann war da "Nachtschatten", ein pechschwarzer Harnisch mit dem Helm eines Panthers. Der grüne "Waldwächter" wurde gekrönt von dem Haupt eines Schattenläufers, während der Helm des stahlgrau schillernde "Berggesang" einem Falken nachempfunden war. Der rotbraune "Flammenauge" mit seinem Fuchshelm und der silberne "Mondspiegel" mit dem Kopfschmuck eines jungen Hirsches komplettierten die Sammlung. Allesamt waren sie von Sithikriegern im Kampf um Asu'a getragen worden, und ihre Träger lebten noch heute, tief unter den Eingeweiden der zerstörten Burg in ihrer Stadt des ewigen Sommers. Der achte Panzer hingegen, hatte keinen lebenden Träger mehr. Ehrfurchtsvoll schritt Arson auf den gold gleißenden Harnisch zu, wagte es jedoch nicht, näher als ein paar Schritte an ihn heranzutreten, so groß war die stille Macht, die von ihm ausging. Sein Helm war einem brüllendem Löwen nachempfunden. "Dies ist > Sonnenscheibe <, die Rüstung Inelukis, unseres Erlösers."
Selbst in Aditus Stimme schwang so etwas wie Bewunderung, ein Gefühl, dass Arson bei der Sitha bisher noch nicht hatte bemerken können. Dieser goldene Panzer musste auch für Sithibegriffe etwas Mächtiges, Erhabenes an sich haben.
"Wer ist Ineluki?"
Aditu legte ihren Kopf an Arsons Schulter und seufzte. Dieses Thema schien sie nicht unberührt zu lassen. Arson hingegen ließ ihre Berührung ganz und garnicht unberührt, doch war er zu gut erzogen, um es sich anmerken zu lassen.
"Du hast sicher gehört, wie Erste Großmutter sagte, sie würde die Kinder Inelukis führen."
Der Paladin nickte stumm.
"Ineluki ist der Erretter aller Sithi. Er allein war es, der sich dem Rimmerköng Elvrit im Zweikampf gestellt hat. Er war es, der ihn besiegte, um ihm dann sein gefürchtetes schwarzes Schwert abzunehmen. Ineluki hat uns die Sternenklinge gebracht."
Die Sitha deutete langsam auf eine Stelle des Brustpanzers, an der das perfekte Gold durch eine pechschwarze, verbrannt aussehende Bruchstelle unterbrochen wurde.
"Elvrit hat ihn bei dem Kampf verwundet. Es war ein Wunder, dass Ineluki die Kraft fand, den Kampf zu beenden und Sternenklinge durch ganz Asu'a, bis hinab in die Katakomben zu tragen. Er starb in Amerasus Armen. Ohne sein Schwert verließ Elvrit der Mut, und die Rimmersmänner zogen sich zurück, ohne die unterirdischen Gänge durchsucht zu haben. Sie begnügten sich damit Asu'a zu zerstören, um anschließend eilig in ihre Heimat zu segeln. Ineluki hat unsere Art gerettet. Nur durch sein nobles Opfer, ist es uns heute vergönnt, zu leben und zu hoffen."
Arson ließ die Worte auf sich wirken, erwiderte jedoch nichts. Mehrere Minuten stand das ungleiche Paar schweigend vor der Rüstung, Hand in Hand, die Frau an der Schulter des Mannes lehnend. Als Aditu sich schließlich wieder zu regen begann, schien es dem Paladin, als erwache er as einem uralten, sehr traurigen Traum. Hier, in dieser Halle, konnte er das Leid der alten Sithi fast körperlich spüren. Nie zuvor hatte er sich der Vergangenheit seines Volkes so sehr geschämt wie in diesem Augenblick. Aditu schien dies zu bemerken, denn ihr wunderschönes Antlitz öffnete sich zu einem aufmunterndem Lächeln.
"Genug in der Vergangenheit gewühlt, komm nun, ich werde dir den Saal der Zeit zeigen. Dort wirst du das Geheimnis des Zaubers von Jao'y'tinukeda'ya erfahren."
Langsam ließ Arson sich aus dem Raum führen. Bald waren die Schritte der beiden Gefährten verhallt, Stille senkte sich über die weitläufigen Halle und ihre stummen Bewohner, ließ sie wieder im ruhigen Traum an vergangene Zeiten versinken...
03.06.2003, 10:47 #18
Arson
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Hoch und ehrfurchtgebietend ragte die gewaltige, bronzene Flügeltür vor den beiden Gefährten auf. Ihre mit zahllosen Zierarbeiten übersäte Oberfläche erzählte von den Taten glorreicher Sithihelden, zeigte tapfere Krieger und anmutige Frauen, noble Recken und furchteinflößende Monster, alles umringt von einem unendlich komplizierten Rahmen aus goldenen Blütenblättern und Rankengewächsen. Durch ein längliches Fenster an der hochgewölbten Decke fiel warmes Sonnenlicht, ließ das wuchtige Tor funkeln und glitzern, verlieh ihm einen atemberaubend lebendigen Glanz.
Gebannt starrte Arson die beiden Türflügel an, fuhr staunend über die kühlen Schmelzarbeiten, bewunderte einmal mehr die Kunstfertigkeit der Sithi.

„Stellt dieses Tor eure Geschichte dar?
Aditu nickte.
„Einen winzigen Teil daraus, ja.“
Langsam, ohne Eile schritt die Sitha an die Tür heran, legte die Hand auf den blütenförmigen Messingknauf und drückte. Der rechte Torflügel schwang so leicht und lautlos auf, als bestünde das Portal aus dünnem Holz anstatt von schwerem Metall. Dahinter kam eine breite, marmorne Treppe zum Vorschein, nicht mehr als ein dutzend langgezogener Stufen, auf denen jeweils ein Paar stocksteifer Tempelwächter harrte. Die Sithikrieger regten sich um keinen Millimeter, als Aditu den jungen Paladin die Treppe hinaufführte, um dann einen langen, von gewaltigen Säulen flankierten Korridor entlang zu schreiten. Wie überall im Tempel war auch dieser Gang völlig aus weißem Stein gemeißelt, doch die Decke wurde immer wieder von ovalen Buntglasfenstern unterbrochen, die den Korridor mal in zartem Rosa, sanftem Blau oder dezenten Gelbtönen strichen.
„Wozu halten die Klingentänzer in diesem Gebäude Wache? Wer soll euer Volk angreifen? Gibt es Wesen, die ihr fürchten müsst?“
Aditu schaute den jungen Menschenkrieger mit ihren unergründlichen Silberaugen an. Ihr feingeschnittenes Antlitz wurde wie üblich von einem schmalen, jedoch nicht minder warmen Lächeln geziert.
„Tradition, würdet ihr Sterblichen sagen. Wir sehen es als Ehre an, den Geistern dieser Orte Gesellschaft zu leisten. Ich bin sicher, die Menschen haben ähnliche Bräuche.“
Jetzt, wo Arson darüber nachdachte, erinnerte er sich an die Ehrengarde der heiligen Kirche Innos. Diese Männer bewachten die mächtigen Kathedralen des Lichtgottes, obwohl dazu in den meisten Fällen kein Anlass bestand, da diese Bauwerke nur in Städten standen, die ohnehin durch die Hand der königlichen Soldaten sicher gehalten wurden. Tradition, ja, das musste es wohl sein.
Plötzlich fiel Arson auf, dass es dunkler geworden war. Die marmornen Zierwände waren noch immer aus strahlend weißem Stein, doch das durch die Deckenfenster fallende Licht hatte aus einem unerklärlichen Grund an Intensität verloren, war nun nicht mehr als ein matter Abglanz seiner früheren Schönheit. Auch die Luft war kühler geworden, die sanfte Sommerbrise hatte sich in einen böigen Herbstwind verwandelt. Der junge Paladin fröstelte, marschierte aber kommentarlos weiter. Als er den Kopf hob, um nach vorn zu blicken, erkannte er, dass der Korridor vor ihnen in einen größeren Raum überging, konnte aber noch keine Einzelheiten ausmachen, da sich ein bizarres Flimmern in die Luft geschlichen hatte, dem fiebrigen Flirren eines stark erhitzten Pflasterweges gleich.

„Wieso wird es immer dunkler?“
Aditu drückte die Hand des hochgewachsenen Menschenkriegers.
„Der Zauber wirkt auf vielerlei Ebenen. Sei ohne Sorge, es ist völlig ungefährlich.“
Gemeinsam erreichten die beiden Wesen das Ende des Ganges, traten in eine kreisförmige Halle von enormen Ausmaßen hinaus. Der Wind war weiter angeschwollen, spielte im langen Haar des Paladins, trieb ihm einzelne Strähnen in das verkniffene Antlitz, als er die Augenlider zu schmalen Schlitzen verengte, um nicht von den gleißenden Lichtlanzen geblendet zu werden, die den Raum vom Zentrum aus durchzuckten. Erst jetzt bemerkte er, dass der Boden vor ihm in wenigen Metern Entfernung plötzlich endete und in ein steil abfallendes Loch mündete. Überhaupt war die Halle nicht mehr als eine riesige Galerie, die die Sithi um einen schwarzen, endlos erscheinenden Abgrund errichtet hatten. Allein eine einzelne, breite Marmortreppe führte in die dunkle Leere hinaus, weißer Stein, scheinbar ohne stützende Säulen, frei in der windumtosten Leere schwebend. Aus der Schwärze des Kraters schoss ein gewaltiger, gleißend gelber Energiestrahl, strebte zischend nach oben, um dann, genau in Höhe der letzten Treppenstufen, auf einen länglichen, pechschwarzen Schemen zu treffen, der die Bahnen des Strahls einem Prisma gleich brach und auffächerte, den gesamten Raum damit in ein einziges, gewaltiges Lichtspiel verwandelte. Obwohl die Halle in bunte Helligkeit getaucht war, war es trotzdem um keinen Deut wärmer geworden, im Gegenteil, der Lichtstrahlen waren kalt, so kalt, dass Arson ihre Berührungen auf der nackten Haut spüren konnte. Und doch, jetzt, wo sein Blick einmal auf den schwarzen Schatten gefallen war, konnte der Paladin die Augen nicht mehr davon abwenden. Langsam trat er vor, stellte sich auf die erste Treppenstufe, blickte in verträumtem Staunen nach oben.
Der dunkle Schemen war ein Schwert. Arson erkannte ein schlankes, langes Klingenblatt, ausladende Parierstangen und einen schmalen Griff, an dem zwei Hände bequem nebeneinander Platz fanden. Doch das wirklich Faszinierende an der Waffe war, dass sie aus einem Material bestand, für das der junge Paladin keine Beschreibung hatte. Sie war schwarz, glitzerte und glänzte als bestünde sie ganz aus einem obsidianartigen Kristall, doch irgendetwas an den Reflexionen war anders, bizarr, doch nicht greifbar. Das gesamte Schwert schien aus einem einzigen Block dieses Kristallmaterials geschlagen worden zu sein, Klinge, Griff und Knauf, alles vereinigte sich zu einer einzigen, kalt glänzenden Schwärze.
Arsons Herz drohte auszusetzen. Er hatte es geschafft. Er hatte Elvrits Schwert gefunden. Die legendäre Sternenklinge schwebte nur wenige Meter vor ihm, wartete auf die Berührung seiner Finger, sehnte sich nach einem Träger, einem noblen Paladin wie ihm, auf dass sie der Welt gemeinsam das Licht brachten. Er konnte den Triumph schon schmecken, das Blut seiner Feinde riechen, die bewundernden Schreie der Menge hören…
Etwas Weiches, wunderbar Warmes nahm seine ausgestreckten Finger, zog sie mit sanfter Bestimmtheit zurück. Arson wandte den Kopf, blickte in die silbernen Pupillen einer wunderschönen Sithidame. Aditu lächelte ihn an.

„Dies ist das Herz unseres Zaubers. Vor langer Zeit haben die sieben großen Gründer die Mächte der Welt selbst aus diesem Abgrund beschworen, um sie mit der Hilfe von Elvrits Sternenklinge zu kontrollieren. Gebündelt ist die Energie der Erde stark und unkontrollierbar, doch dank dieses Schwerts, geschaffen aus einem unbekannten Material, war es unserem Volk möglich, die Zeit selbst zu verändern.“
Arson runzelte die Stirn, blickte langsam zum Schwert, dann wieder in Aditus sanftes Gesicht. Er dachte an den wartenden Einskaldir, den verzweifelten Sludig, der in der Welt der Sterblichen einen aussichtslosen Kampf gegen eine Höllenbestie schlug, dachte an Haestan und seinen grausamen Tod.
„Aber…ich…“
Die Augen der Sitha waren zwei gleißende Lichtkristalle, fesselten den Blick des Paladins, zwangen seine Aufmerksamkeit vollständig auf die sanft gesprochenen, doch in ihrer Bedeutung endgültigen Worte.
„Ohne dieses Schwert werden die Sithi nie wieder an die Oberfläche kommen können, Arson. Wir brauchen es.“
Der hochgewachsene Menschenkrieger stöhnte auf. Sludig, Einskaldir, Haestan.
Aditu. Die Sithi. Wer hatte ein größeres Recht auf Rettung? Die Menschen, mit ihrem zerstörerischen Geist, mit ihrer schwankenden Moral und ihrem Hang zum Blutvergießen? Die Art, zu der Arson selbst gehörte? Oder die Sithi, jenes sanfte Volk des Lichts, friedfertig in seinen Taten, unendlich perfekt in seiner Kunstfertigkeit?
Diese Augenblicke waren die längsten, die der junge Mensch bisher in seinem kurzen Leben durchstanden hatte. Er hatte eine Entscheidung zu treffen, die über Rettung oder Verdammnis entschied. Und er traf sie.
Der Blick, mit dem er Aditu ansah, war fest und entschlossen, es war deutlich zu sehen, dass der Krieger Innos in seiner Entscheidung nicht mehr schwankte.

„Komm, Aditu, lass uns gehen. Ich will diesen Ort nicht mehr sehen.“
Die Sitha lächelte, umschloss seine Hände mit den ihrigen und hauchte ihm einen geisterhaften Kuss auf die Wange.
„Du hast dir soeben die Freundschaft aller Kinder Inelukis verdient. Amerasu hatte Recht, die Menschen haben sich geändert. Willkommen in unserer Welt.“
Gemeinsam mit seiner Begleiterin verließ Arson die Halle des Schwertes, kehrte dem wundersamen Artefakt der Rimmersmänner den Rücken, ließ das Werkzeug zur Vernichtung der Bedrohung von Utanyeat somit in seinem kühlen Hort der Magie zurück, in der Absicht, es nie wieder zu Gesicht bekommen. Der junge Paladin wusste, dass er soeben seine gesamte Art verraten hatte, doch das Lächeln auf seinem Gesicht wurde dadurch nicht geschmälert. Es war ihm egal.
04.06.2003, 16:22 #19
Arson
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Nach den zahllosen Wundern, die Arson an diesem einen Tag zu Gesicht bekommen hatte, war er sehr froh, als Aditu ihn endlich zu einem der hauchzarten Tuchgebäude führte, die die Sithi sich als Wohnstätten auserkoren hatten. Wie die meisten der Häuser, war auch diese Seidenkonstruktion sehr viel größer als das kleine Ruhezimmer, in dem der junge Paladin seine Wunden kuriert hatte. Es bestand aus mehreren, ineinander verschachtelten Raumkomplexen und war so errichtet worden, dass ein schmales Bächlein direkt zwischen den sanft flappenden Tüchern hindurchsprudelte. Vor dem mit einem cremefarbenen Baldachin überspannten Eingang waren zwei weiße Holzpfähle in die Erde eingelasen worden, an deren Spitze hauchzarte Wimpel aus weißem Stoff flatterten, von denen das eine mit einem roten Wappen in Form eines Fuchskopfes, das andere mit einem silbrig-grauen Hirschkopf geziert wurden.
Aditu blieben die Blicke des jungen Kriegers nicht verborgen.

"Dies ist das Zeichen des Hauses > Hekh-Asòr <, was in der Sprache der Menschen in etwa > Fuchs und Hirsch < bedeutet."
-"Das Haus hat einen Namen?"
Die schöne Sitha lächelte und schüttelte sanft den Kopf. Ihr seidenes Haar glänzte im künstlichen Sonnenlicht.
"Haus ist in diesem Fall gleichbedeutend mit Familie."
Der junge Paladin nickte.
"Und diese Wappen gehen auf zwei der sieben Gründer zurück?"
Aditus Lächeln öffnete sich um eine Winzigkeit.
"Ich sehe, du hast mir zugehört, süßer Menschensohn. Das ist richtig, vor vielen tausend Jahren schworen Drukhi Jägerauge und Shisaeya Wolkenstimme sich die Treue, und zeugten die ersten Nachkommen, die zweite Generation des neuen Sithivolkes. Haus Hekh-Asór ward geboren."
-"Dann bist du auch ein Nachkomme dieser beiden Gründer?"
Arson konnte sich noch sehr gut an die schillernden Rüstungen in den heiligen Hallen des Tempels erinnern. Der Gedanke, dass die Träger dieser legendären Panzer noch am Leben war, hatte etwas seltsam Erregendes an sich. Diese alten Sihti hatten sicher eine Menge Geschichten zu erzählen.
"Ja, die beiden Gründer sind meine Urgroßeltern."
Aditu zog sanft an der Hand des hochgewachsenen Menschenkriegers.
"Doch nun komm, lass uns eintreten."
Gemeinsam schritten die beiden Gefährten durch die Öffnung in der wogenden Tuchwand, traten in den dahinterliegenden Raum.
Es war, als würde Arson eine neue Welt betreten.
Die Ausmaße des Raumes waren enorm, begrenzt von meterhohen Seidenwänden, durch deren feinmaschige Leiber gedämpfte Lichtstrahlen auf den wunderbar weichen Grasboden fielen. Überall sprossen farbenprächtige Blumen aus der Erde, umrahmten die ovalen, hellbraunen Holztische und kostbar gearbeiteten Stühle, die man geschmackvoll innerhalb des Zimmers verteilt hatte. In regelmäßigen Abständen waren Aussparungen im Tuch zu entdecken, Durchgänge in weitere, nicht weniger prachtvoll eingerichtete Räume. Irgendwo plätscherte Wasser, und der verführerische Duft nach Sommer und Wald lag in der Luft.
Der Paladin blieb stehen und füllte seine Lungen mit diesem warmen Gefühl nach Ruhe und Freiheit, genoss das entfernte Zwitschern einiger ihm nicht bekannter Vogelarten, bewegte die nackten Zehen im saftigen Gras.

"Es ist wunderschön hier."
Aditu war bereits weitergegangen, strebte mit anmutigen Schritten bereits auf das nächste Zimmer zu. Die schlanken Linien ihres zarten Körpers schimmerten durch den dünnen Seidenstoff, stellten die Selbstbeherrschung des jungen Kriegers erneut auf eine harte Probe. Bei Innos, wieso musste diese Frau so unglaublich schön sein?
Langsam folgte er seiner Führerin durch die annähernd rechteckige Öffnung, durchquerte den angrenzenden Raum, um dann wieder zu Aditu aufzuschließen und an ihrer Seite über eine geschwungene Marmorbrücke zu schreiten, die sich in sanftem Bogen über einen sprudelnden Bach spannte. In einigen Metern Entfernung reckten sich zwei dünne Birken in die Höhe, doch die Decke des Tuchraumes war so hoch, dass die Kronen der beiden Bäume bequem darunter Platz fanden. Zwischen den Stämmen war eine weiße Hängematte aufgespannt, deren Enden mit Fäden aus purem Silber an das Holz geknotet zu sein schienen. Lächelnd streckte Aditu ihren schlanken Arm aus und deutete auf die Seidenkonstruktion.

"Wenn es dir nicht zuwider ist, kannst du hier ruhen."
Zögernd, nicht sicher ob er dieses Angebot annehmen konnte, trat Arson an die Hängematte, berührte den schimmernden Stoff mit zaghaften Bewegungen. Er war elastisch und weich, wie nicht anders zu erwarten. Langsam glaubte der Paladin, dass das Schöne Volk nichteinmal etwas Unbequemes schaffen könnte, wenn es sich wirklich Mühe gab. Alles in Jao'y'tinkeda'ya war farbenprächtiger, angenehmer, perfekter als jegliche Menschenerfindung.
"Es gefällt mir sehr gut, ich würde mich freuen, hier schlafen zu dürfen...ähm...und wo schläfst du?" Der hochgewachsene Streiter des Lichts hatte sich die Frage einfach nicht verkneifen können. Furchtsam musterte er das feingeschnittene Antlitz der Sitha, forschte in den silbernen Mandelaugen, suchte auf irgendeinem Anzeichen auf Missfallen oder Unbehagen. Die bleichen, asketischen Gesichtszüge blieben warm und offen, wie er es nicht anders gewohnt war.
"Mein Zimmer befindet sich direkt dort hinten, jenseits des Bachlaufes."
Arson nickte. Das war nicht allzu weit entfernt. Irgendwie mochte er den Gedanken nicht, länger als einige Minuten von der schönen Sithidame getrennt zu sein.
"Die anderen Mitglieder meines Hauses wirst du morgen kennenlernen. Jetzt rate ich dir ein wenig zu ruhen. Du hast viel gesehen und viel erfahren, und brauchst sicher Zeit, um über alles nachzudenken. Ist es dir Recht, wenn ich dich morgen zur Andacht abhole?"
Arson nickte, auch wenn er nicht genau wusste, welche Andacht Aditu meinte. Obwohl er traurig darüber war, dass die Sitha ihn nun verlassen wollte, so spürte er doch, dass sie Recht hatte. Er war noch nicht vollends gesund, und das viele Laufen hatte ihn müde gemacht. Der Gedanke an ein Nickerchen in der Hängematte erschien verlockend.
"Natürlich. Ich danke dir für alles, Aditu. Es ist wirklich wundervoll hier, und ich hoffe, dir keine Unannehmlichkeiten zu bereiten."
Die Frau lachte, ein fröhlicher, heller Laut, bei dem sich ihre Lippen öffneten, um ebenmäßig weiße Zähne zu entblößen. Der Menschenkrieger verspürte das Bedürfnis, diese Lippen zu küssen.
"Du bist wirklich lustig, süßer kleiner Arson. Du bist der erste Sterbliche, den ich kennenlerne. Sei versichert, es ist für mich ebenso interessant wie für dich. Ich wünsche dir einen guten Schlaf."
Die Sitha berührte die Wangen des Recken mit sanften, feingliedrigen Finger, um sich dann geschmeidig abzuwenden und mit glitzernden Haarsträhnen davonzuschreiten. Arson stand da und schaute ihr solange hinterher, bis sie die Marmorbrücke überquert hatte um im Schatten einiger Bäume und Sträucher verschwand. Der Paladin seufzte, drehte sich dann der Matte zu und ließ sich unbeholfen in den seidigen Stoff sinken. Langsam verschränkte er die Arme hinter dem Kopf, ließ sich von den sanften Schaukelbewegungen nach und nach einlullen, um schließlich in einen ruhigen Schlaf zu fallen.
Er träumte von Gärten und von Sithi, von Flüssen, endlosen Grasebenen und schlanken Kriegern in schillernden Rüstungen.
Über allem lag der schwarze Schatten des Schwertes.
07.06.2003, 12:45 #20
Arson
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Als die Sonne das nächste Mal durch Arsons geschlossene Augenlider drang, um ihn mit sanften Fingern aus dem Schlaf zu heben, fühlte sich der Paladin so ausgeruht, als hätte er nicht eine Nacht, sondern einen ganzen Monat geschlafen. Aus reiner Bequemlichkeit blieb er noch einige weitere Minuten in der weichen Händematte, ließ sich von der Sommerbrise schaukeln und döste ein wenig vor sich hin, genoss die warme Ruhe der wundervollen Sithistadt. Heute wartete keine schwere Stahlrüstung darauf, den Leib des Menschenkriegers zu umhüllen, keine Apellglocke störte ihn, keine Gefechtsbesprechung kündigte von einem baldigen Kampfeinsatz. Warme Sonnenstrahlen, frisches Gras und duftende Blumen, das war die Welt, in der sich Arson momentan befand, und die er so schnell auch nicht mehr verlassen mochte.
Energiegeladen schwang der Paladin seine Beine aus der Hängematte, kam mit einem Satz auf die Füße, fuhr sich mit der Hand durch das leicht zerzauste Haar und streckte seine Glieder, bevor er ohne Eile zu dem sanft plätschernden Bach hinüberschritt, der sich einem fließend blauen Band gleich durch das zarte Sithihaus schlängelte. Das Wasser war kühl und wunderbar erfrischend auf der sonnengebräunten Haut, perlte kostbaren Diamanten gleich von Gesicht, Händen und Brust. Arson überlegte kurz, tauchte dann seinen gesamten Kopf in den Bachlauf, um ihn Sekunden später prustend wieder an die Oberfläche zu reißen. Der Krieger schüttelte seinen langen Haarschopf, wrang in mehrmals, um ihn dann zufrieden nach hinten zu werfen. Vom Wasser schwer geworden, hing das schwarze Haar nun glatt und ebenmäßig über die Schultern des heiligen Streiters. Dieser begann nun damit, Arme und Beine zu lockern, um den vom Schlaf verspannten Muskeln durch einige Dehn- und Kräftigungsübungen ihre gewohnte Geschmeidigkeit wiederzugeben. Er tat dies mit der Routine eines Mannes, dem in vielen Monaten des Trainings immer wieder gesagt worden war, stets kampfbereit zu bleiben. Denn Unachtsamkeit und Faulheit waren die ersten Schritte zur Niederlage und damit zum Tod. So war es nicht verwunderlich, dass Arson die morgendlichen Übungen bereits in Fleisch und Blut übergegangen waren. In stiller Konzentration dehnte er die Arme, legte sich auf den Boden, um sich mit den Händen immer wieder hochzustemmen, kam dann wieder auf die Füße, um die Knie zu beugen.
Das Gefühl, nicht mehr allein zu sein, ließ ihn innehalten.
Verwirrt drehte der Recke sich um, blickte mit einer Mischung aus Freude und Überraschung auf die zarte Gestalt einer ihm inzwischen sehr vertrauten Sithifrau. Wie schon am vorigen Tag spürte Arson fast augenblicklich jenes bizarr feurige Kribbeln durch seinen Leib prasseln, als sein Blick über die sanft geschwungenen, in hauchdünnen Seidenstoff gehüllten Glieder Aditus glitt, um schließlich auf dem von glänzend langem Haar eingerahmten Antlitz einer Göttin zu verbleiben. Doch anders als Gestern noch trafen sich die Blicke der beiden ungleichen Wesen heute nicht, da die silbrigen Mandelaugen der Sitha wie gebannt auf irgendetwas in Arsons Brustgegend gerichtet waren. Verdutzt blickte der Paladin an sich herab, konnte aber beim besten Willen keine Besonderheit erkennen. Langsam entspannte er seinen Körper und trat vorsichtig an die wunderschöne Frau heran.

"Aditu? Ist alles in Ordnung?"
Ein kaum merklicher Ruck ging durch die Sitha, ihr Blick hob sich, dann öffneten die anmutigen Lippen zu einem Lächeln.
"Oh, verzeih mir bitte, ich war etwas...abgelenkt." Sie trat an den Krieger heran und strich mit den Fingern ihrer rechten Hand über Arsons Brust. "Für eine Sitha bin ich noch sehr jung und...habe noch nie einen wirklichen Menschenmann gesehen. Verzeih mir Arson, aber männliche Sithi sind so...dürr...und du..."
Wortlos tippte die Sitha auf die Arme des Paladins, blickte dem völlig perplexen Recken in die Augen und lachte. Arson dachte, seine Beine müssten jeden Moment nachgeben, so dass er wie ein nasser Sack zu Boden polterte.
"Ich bin töricht, es tut mir leid, mein süßer Menschensohn. Komm nun, die morgendliche Mahlzeit ist bereits angerichtet."
Aditu nahm den Streiter Innos bei der Hand, um ihn dann aus seinem Zimmer heraus und in die breite Eingangshalle hinein zu führen. War sie gestern noch leer gewesen, so hielt sich nun ein gutes Dutzend Sithi an den verschiedenen Holztischen auf, spazierten gemächlich durch den Raum oder saßen reglos auf den reich verzierten Stühlen. an der Nordseite des Raumes, am Kopfende eines besonders langen Tisches, hatten sich zwei Wesen des Schönen Volkes auf thronartigen Sitzgelegenheiten niedergelassen, die Arson sofort an das Marmorkunstwerk erinnerte, auf dem Erste Großmutter Amerasu gesessen hatte, als sie den Menschling und seine Begleiterin empfing.
"Sind das dort hinten Drukhi und Shisaeya?" Arsons Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch Aditu verstand ihn offensichtlich ohne Mühe.
"Ja, und sie erwarten uns."
Gemeinsam durchquerte das ungleiche Paar die Tuchhalle, um sich den Thronstühlen zu nähern. Der junge Paladin musterte die beiden ehrwürdigen Sithi. Wie schon Amerasu wirkten sie auf eine merkwürdige Weise alt, obwohl ihre Haut faltenlos und ihre Bewegungen weder langsam noch schwach waren. Nein, etwas lag in dem Blick der glitzernden Pupillen, weise Erfahrung, die unendliche Ruhe eines Wesens, dass Jahrtausende vorüberziehen sehen hatte, die Geheimnisse kannten, die selbst den weisesten Menschen auf ewig verborgen bleiben würden. Doch war das schmale Gesicht der Frau zu dem üblichen, warmen Willkommenslächeln geöffnet, so schaute der männliche Sitha mit einer Kälte auf den Menschenkrieger herab, die selbigen einen Schauer über den Rücken jagte.
"Urgroßmutter. Urgroßvater." Aditu verneigte sich leicht. Die beiden Angesprochenen nickten grüßend. "Ich bringe euch den Sterblichen, Arson, und bitte euch im Namen von Erster Großmutter, ihn als geehrten Gast in euer Haus aufzunehmen."
Eine Sekunde der Stille folgte, in der Arson die Blicke der beiden Gründer auf sich ruhen spürte. Nicht zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Jao'y'tinukeda'ya fühlte der Paladin sich klein und unbedeutend.
Der Mann, bei dem es sich nur um Drukhi handeln konnte, sagte etwas in der fließenden Sprache der Sitha, doch gleich darauf ergriff seine Frau das Wort.

"Ich denke, wir sollten uns in der Sprache der Menschen verständigen. Es ist unhöflich, den Sterblichen in dieser Angelegenheit auszuschließen."
Shisaeya lächelte Arson zu. Ihr langes Haar hatte die Farbe geschmolzenen Goldes, während Drukhis seidiger Schopf so schwarz war wie die Nacht selbst. Der uralte Sithimann starrte dem heiligen Streiter in die Augen. Dieser versuchte dessen Blick standzuhalten, so gut es ging. Keine leichte Aufgabe.
"Nun gut, so sei es. Wenn er uns verstehen kann, dann kann er auch für sich selbst sprechen. Warum sollten wir einen kurzlebigen Klotz wie dich in unser Haus aufnehmen. Mensch?"
Für einen Moment war Arson völlig überrascht. Die kalte Härte des Gründers traf ihn unvorbereitet. Hatte er sich etwas zuschulden kommen lassen? Sich vielleicht falsch benommen?
"Verzeih meinem Mann, junger Arson, doch verstehe, dass er dein Volk nicht liebt." Shisaeyas Stimme klang ruhig, doch glaubte der Paladin einen winzigen, sorgenvollen Unterton heraushören zu können.
Drukhi beugte sich ein wenig vor. Seine Augen waren kalte Kristalle aus Eis.

"Deine Rasse hat meine Heimat zerstört, meine Eltern und Geschwister getötet und uns vom Antlitz der Erde verbannt. Ich habe jedes Recht, euch Menschen nicht zu lieben, meinst du nicht, Sterblicher?"
Arson schluckte, neigte dann den Kopf und brachte sogar einige Worte heraus.
"Die Taten der alten Rimmersmänner und ihrer Helfer sind ein Verbrechen, dessen Schäden nie wieder behoben werden können. Doch bitte ich euch, mich nicht an Menschen wie Elvrit zu messen. Nicht alle Menschen sind bösartige Schlächter."
-"Ist dem so?" Drukhi lehnte sich wieder zurück und sah Aditu an. "Hast du ihm die Sternenklinge gezeigt?"
Die Sitha nickte.
"Er war dort, und er hat mich gebeten, ihn wieder aus der Halle hinauszuführen."
Shisaeyas Lächeln wurde breiter. Sie nahm die Hand ihres Gemahls und sah ihn an.
"Du siehst, er ist nicht wie seine Vorfahren. Die Macht des Schwertes vermochte ihn nicht zu binden."
Der männliche Gründer musterte Arson weiterhin mit abschätzender Kälte.
"Vielleicht hast du recht, meine Liebste...vielleicht täuscht der Anschein aber auch nur. Nun gut, Sterblicher, es sei dir erlaubt, in unseren Häusern zu wohnen und an unseren Tafeln zu speisen, doch wisse, ich werde dich weiterhin beobachten. Verhalte dich ehrenvoll, und dein Leben wird lang und voller Wunder sein."
Arson neigte abermals den Kopf und gab sich Mühe, gelassen auszusehen. In seiner Brust raste sein Herz, als hätte der Paladin einen langen Gewaltmarsch hinter sich. Der Gedanke, aus der Stadt des Sommers ausgeschlossen zu werden, erschien ihm unerträglich.
Aditu sprach noch einige abschließende Worte, dann durften sich die beiden Gefährten entfernen.

"Möchtest du etwas essen?"
Arson verneinte. Das Gespräch mit Drukhi hatte ihm den Appetit vertrieben. Er wollte nur möglichst schnell hinaus aus der Hekh-Asór Residenz. Auch die Sitha schien der Idee nicht abgeneigt.
"Auch mir ist mein Urgroßvater manchmal unheimlich. Als einziger Gründer hat er den Hass auf das Menschenvolk nicht besiegen können. Noch immer sinnt er auf Rache für die Zerstörung von Asu'a."
-"Ich hoffe, er wird noch zur Vernunft kommen."
"Das hoffen wir alle."
Aditu lächelte, ergriff Arsons Hand und führte ihn durch den Ausgang und auf die Kieswege der Sommerstadt.
"Genug der unschönen Dinge. Die Andacht im Yásira wird gleich beginnen. Alle Sithi versammeln sich dort, und auch wir dürfen nicht fehlen."
-"Darf ein Mensch denn dort zugegen sein?" Arson fühlte sich leicht unbehaglich bei dem Gedanken, eine heilige Zeremonie der Sithi durch seine Anwesenheit zu entweihen. Aditu zerstreute seine Zweifel aber augenblicklich wieder.
"Jeder Bewohner Jao'y'tinukedayas ist verpflichtet, daran teilzunehmen. Du bist zwar ein Mensch, doch diese Tatsache entbindet dich dieser Pflicht keinesfalls. Es wird dir sicher gefallen, und solltest du zwischendurch hinaus müssen, dann wird Erste Großmutter dies verstehen."
Die Sithifrau drückte seine Hand.
"Doch nun komm, es ist besser, du erlebst es selbst, als dass ich dir bloß davon erzähle, mein neugieriger Menschensohn."
Anstandslos ließ Arson sich weiterführen. Er war gespannt, welche Wunder ihn im Yásira erwarten würden. Längst war die reale Welt der Menschen zu einem undeutlichen Traumbild verblasst, ein schwacher Erinnerungsschimmer an eine Zeit des Schmerzes, der hoffentlich bald vergessen sein würde...
09.06.2003, 11:36 #21
Arson
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Die dämmrige Baumhalle des Yásira war groß, und diesmal alles andere als leer. Mit ehrfürchtigen Bewegungen trat Arson durch aus den Tuchgang, betrat den heiligen Versammlungsort der Sithi an der Seite seiner sanften Begleiterin Aditu. Als er sich nach allen Seiten umsah, bemerkte er, dass die beiden ungleichen Wesen nicht die ersten waren, die Amerasus Thronsaal aufsuchten. Überall hatten sich bereits vereinzelte Sithi auf dem weichen Grasboden niedergelassen, die beide unterschlagen, die Arme auf die Knie gelegt, das feine Gesicht dem mächtigen Baumstamm im Zentrum der Halle zugewandt. Arson fröstelte. In gewisser Weise erinnerte ihn diese Szenerie an die zahlreichen Meditationsphasen, die er als Novize im Sumpflager hatte abhalten müssen. Die Katastrophe, in der sein Glauben geendet hatte, war ihm noch gut in Erinnerung geblieben.
Aditus abwartender Blick riss den jungen Paladin wieder aus seinen Träumen. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er stehengeblieben war. Mit einem verlegenen Lächeln schloss er wieder zu seiner Begleiterin auf.

"Es tut mir Leid, dieser Raum hat mich an etwas aus meiner Vergangenheit erinnert."
Aditus Züge waren so unergründlich wie die Tiefen der Ozeane.
"Das ist gut, das Yásira soll seinen Bewohnern helfen, sich zu erinnern. Nichts auf der Welt ist schlimmer, als das Vergessen, denn aus Unwissen entspringt neues Leid."
Die Sitha drückte Arsons Hand und ließ sich dann geschmeidig zu Boden sinken, um sich unweit eines glitzernden Schmetterlingbandes in das saftig grüne Gras zu setzen. Arson tat es ihr nach.
"Wir werden nun auf die restlichen Bewohner Jao'y'tinukeda'yas warten, dann beginnt die Wanderung auf der Traumstraße. Ich vermute, dass ein sterblicher Geist uns dorthin nicht folgen kann, doch bitte ich dich, während der Zeit der Erinnerung hier neben mir zu bleiben und deine Gedanken zu sammeln. Solltest du ein...menschliches Bedürfnis verspüren..." Aditu lächelte."...so kannst du das Yásira verlassen. Erste Großmutter wird Verständnis dafür haben, da sie ebenfalls weiß, dass euer Volk nicht allzu lange auf einem Fleck ruhen kann."
Arson nickte, um sich anschließend ein wenig nervös in der Halle umzublicken. Tatsächlich, noch immer traten weitere Sithi durch die Eingangstür, um sich unter der ausladenden Krone des Baumes niederzulassen. In einiger Entfernung konnte der junge Paladin die Tempelwachen ausmachen, und auch Jiriki mit seinen Klingentänzern war anwesend. Es schien wirklich jeder einzelne Sithi an dieser Zeremonie teilzunehmen.
Plötzlich wurde es still im Raum. Der junge Paladin drehte sich um und sah, dass Amerasu, die während der letzten Minuten am Fuße ihres Wurzelsockels gestanden und sich mit einigen anderen Sithi unterhalten hatte, nun ihren Platz auf dem marmornen Herrschersitz wieder einnahm. Ihr Mund öffnete sich, und eine sanfte, unendlich komplizierte Tonabfolge entwich ihren Lippen. Arson vermutete, dass es sich um eine Art Lied handelte, denn die am Boden sitzenden Unsterblichen fielen in die plätschernden Töne ein, ergänzten sie, schmückten sie weiter aus, so dass der Menschenkrieger sich bald von einer Klangwand ummauert sah, die ihm fast die Sinne raubte, so anmutig, aber auch so andersartig war sie. Fasziniert beobachtete er, wie sich die Augen der Sithi langsam schlossen, der Gesang leiser wurde, abebbte wie der Spiegel eines Meeres, um dann vollends zu verstummen und einer Stille Platz zu machen, wie sie vollkommener nicht sein konnte. Reglos saßen die Bewohner der Sommerstadt im Gras, die feinen Züge entspannt, die Gedanken in weite Fernen geschickt. Lediglich der junge Paladin blieb von dem Zauber verschont, er hockte noch immer mucksmäuschenstill zwischen den unsterblichen Wesen und wagte nicht auch nur laut zu atmen. Was sollte er nun tun? Ratlos blickte er auf die reglose Aditu. Sie hatte gesagt, er sollte bei ihr bleiben und selbst ein wenig ruhen.
Arson schloss die Augen, entspannte seinen Körper und begann anschließend, seine Gedanken zu reinigen. Die Kunst der Meditation hatte er vor langer Zeit im Lager der Bruderschaft des Schläfers erlernt, und er beherrschte sie noch immer. Schon jetzt fühlte er die warme Gelassenheit durch seine Glieder strömen, spürte wie sein Geist in jenen wasserklaren Zustand überging, der es dem Menschenkrieger ermöglichte, seine Erfahrungen, seine Erinnerungen und seine Gefühle losgelöst von jeglichen körperlichen Bedürfnissen zu suchen und zu ergründen. Noch einmal erlebte er den Kampf in der gefallenen Burg, sah Haestan erneut sterben, um danach einer jämmerlichen Gestalt bei ihrer Wanderung durch ein weitverzweigtes Gangsystem zuzuschauen. Es war wirklich ein merkwürdiges Schicksal, das ihn hierhergeführt hatte...

Der junge Paladin wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als ein sanfte Berührung ihn langsam aus seiner Traumwelt aufsteigen ließ. Er öffnete die Augen, und sein Blickfeld klärte sich, zeigte ihm das schmale Gesicht einer wunderschönen Sitha. Aditus Augen glitzerten.

"Ah, du bist wieder wach. Bist du nun ausgeruht?"
Arson nickte lächelnd, um sich dann ächzend aus dem Gras zu erheben. Seine Beine waren ihm eingeschlafen und kribbelten nun etwas unangenehm, doch der Recke ließ sich nichts anmerken. Als er sich umschaute sah er, dass die meisten Sithi das Yásira bereits verlassen hatten, und der rest sich gerade anschickte, ebenfalls zu gehen. Selbst von Amerasu war keine Spur zu sehen.
Gemeinsam mit seiner Gefährtin machte sich auch Arson auf den Weg ins Freie, durchquerte die Halle des Baumes, um schließlich auf den sonnebeschienenen Kiesweg hinauszutreten. Kaum hatte er die ersten flappenden Wimpelstangen passiert, als Jiriki plötzlich neben ihm erschien.

"Habe ich euch gefunden." Der Sitha lächelte. Wie schon am vorigen Tag war sein dünner Leib in einen Lederrock gekleidet, die schmale Brust wurde von zwei weißen Gurten überspannt. Lediglich das Schwert aus Hexenholz fehlte. Der Klingentänzer war unbewaffnet.
"Nun, junger Arson, bist du bereit für deine Ausbildung? Ich hoffe, du verspürst immer noch Lust, dich von mir unterrichten zu lassen. ich muss zugeben, ich bin neugierig, wie erfolgreich ein Mensch die Technik des Klingentanzes erlernen kann."
Der Paladin nickte fast automatisch.
"Natürlich, ich würde mich freuen, an den Übungen der Krieger der Sithi teilnehmen zu dürfen. Ich bin sicher dass ich von euch lernen kann."
Sowohl Jiriki als auch seine Schwester lächelten. Die schöne Sitha drückte die Hand ihres Begleiters.
"Ich werde euch ein wenig zuschauen. Später werde ich dir dann einige Worte aus der Sprache der Sithi beibringen, damit du auch diejenigen unter uns verstehen kannst, die es ablehnte, die Sprache der Menschen zu erlernen."
Die Sprache der Sithi erlernen? Arson runzelte die Stirn und dachte an jenen fließenden Singsang, den der Paladin aus den Mündern der Schönen gehört hatte. So etwas sollte er auch erlernen können? Der Krieger bezweifelte es stark, doch wollte er nicht unhöflich sein und nickte deshalb trotzdem.
"Ich werde mir Mühe geben."
Zu Dritt schritten die Sithi und der Mensch die Pfade der Sommerstadt, der Erste um seine Kämpfer zu unterrichten, die Zweite um sich ein wenig der Zerstreuung hinzugeben, der Dritte um ein neues Leben zu beginnen...
09.06.2003, 16:21 #22
Arson
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"Baum."
-"Dre'hard."
Zischend fuhr die schlanke Klinge durch die Luft, raste auf die dürre Gestalt zu, die ihren bleichen Leib gerade noch rechtzeitig mit einem kraftvollen Satz in die Luft katapultierte.
"Wasser."
Die Beine des zweiten, deutlich breiteren Wesens knickten ein, sehnige Muskelstränge spannten sich, dann flog auch diese Gestalt anmutig durch die Luft. Patschend setzten die nackten Füße auf dem sonnenerwärmten Gestein eines kantigen Granitblockes auf.
"Osae'va."
Krachend schlug Holz auf Holz, wurde ruckartig zurückgezogen, nur um nocheinmal blitzschnell vorzustoßen. Klappernd duellierten sich die geschliffenen Klingen, pechschwarze und glänzend weiße Haarsträhnen wogten durch die Luft, Schweißtropfen glitzerten in der warmen Sommerluft. Wieder sprang die schlanke Gestalt durch die Luft, und wieder folgte ihr Gegner auf dem Fuße. Eine fließende Drehung in der Luft, und die beiden Kämpfer standen wieder im weichen Gras des Amphitheaters.
"Wolf."
Die Brauen des Schwarzhaarigen zogen sich nachdenklich zusammen, während er seinen Gegner weiterhin mit geschmeidigen Attacken beharkte. Dieser ließ sich in die Hocke fallen, sein Bein schoss vor, traf jedoch nichts als zitternde Grashalme. Das feingeschnittene Antlitz ruckte nach oben, sah den sterblichen Kontrahenten gerade noch über seinen Kopf hinwegsetzen. Blitzartig kam der Weiße wieder auf die Beine, seine Klinge sirrte durch die Luft, ein schwarzer Schatten des Todes. Die dunkelhaarige Gestalt landete sanft auf dem Boden, direkt vor einem der Felsklötze. Ohne auch nur eine Sekunde in der Bewegung innezuhalten sprang sie gegen die Steinwand, drückte sich ab, streckte den Rücken und katapultierte ihren muskulösen Leib erneut über den Kopf des Gegners hinweg. Dieser riss das eigene Schwert geistesgegenwärtig nach oben, parierte so einen im Sprung ausgeführten Hieb, wirbelte anschließend herum, um sich dem Feind zu stellen. Erst jetzt erklang die Stimme des Schwarzhaarigen abermals.
"Drakho'yo."
Die beiden Schwerter donnerten aufeinander, die Parierstangen verkanteten sich. Dann, ohne sichtbares Signal, löste sich die Spannung aus den beiden Kämpfern, die Waffen wurden gesenkt und das schlanke Wesen trat an seinen Kontrahenten heran, um ihm die Hand auf die Schulter zu legen.
"Du bist schon deutlich besser geworden, junger Mensch."
Arson lächelte leicht verlegen, folgte dann seinem Lehrmeister in den Schatten eines Felsblockes, an dessen Steinwand sie die Schwerter ablegten.
"Ich gebe mir große Mühe. Dein Unterricht ist wirklich ausgezeichnet."
Der junge Paladin meinte es ehrlich. In dem knappen Monat, in dem er nun in Jao'y'tinukeda'ya weilte, hatte der ruhige Sitha ihm geholfen, seine Technik in vielen Punkten zu verbessern. Inzwischen erkannte Arson die Überlegenheit der Kampfkust der Sithi neidlos an. Eine menschliche Armee, ausgebildet in der Kunst des Klingentanzes, wäre den regulären Truppen anderer Länder und Königreiche deutlich überlegen. Das Schöne Volk hatte Recht, wenn es sagte, dass nicht Stärke, sondern Geschicklichkeit der Schlüssel war. Seit seinem ersten Tag in der Stadt des ewigen Sommers hatte Arson sein Training völlig umgestellt. Jiriki hatte ihm beigebracht, seinen Körper geschmeidig zu machen, unnötige Muskelmasse abzubauen und die eigenen Reflexe zu schulen.
"Der Unterricht ist immer nur so gut wie der Wille des Schülers, sich zu verbessern." Jiriki massierte das Handgelenk seines Schwertarms. Das schmale Lächeln des Sitha war warm und freundschaftlich, die silbrigen Pupillen blitzten im Sonnenlicht.
"Ja, Arson macht das ganz ausgezeichnet."
Eine dritte, sanfte Frauenstimme mischte sich in das Gespräch. Der Krieger Innos' wandte den Kopf, blickte in Aditus wunderschönes, von seidigem, violett schimmerndem Haar eingerahmtes Gesicht. Ein feiner Lufthauch ließ die dünnen Tuchgewänder der Frau rascheln, entblößte mehr nackte Haut, als gut für Arson war. Schon jetzt fühlte der Paladin sich, als müsse sein Kopf gleich zerplatzen.
Die Sitha trat an ihren Bruder heran.

"Hat er fleißig gelernt, Weidengerte?"
Jiriki nickte. "Er beherrschte die Worte, nach denen ich ihn gefragt habe. Im Handwerk der Yakh Huyeru hat er ebenfalls deutliche Fortschritte gemacht."
-"Wunderbar." Aditu lehnte sich gegen Arsons Schulter und lachte vergnügt. Wieder einmal fragte der Streiter sich, wie jung diese Sitha wirklich war. Sanft zog sie an Arsons Arm, hakte sich dann bei ihm unter. "Komm, lass uns ein wenig spazieren gehen. Begleitest du uns, Weidengerte?"
-"Nein, es tut mir leid, aber ich muss mich um meine Schüler kümmern."
Aditu nickte. "Nun gut. Auf bald, mein Bruder."
Der Sitha verbeugte sich anmutig. "Auf bald, kleine Schwester."
Gemeinsam verließen Arson und die Sithidame das Si'injan'dre, die Halle der Spiele, um auf die Kieswege der Stadt hinauszutreten. Langsam, ohne besonderes Ziel wanderten sie die Pfade entlang und ließen sich von der künstlichen Sonne erwärmen.
"Bist du inzwischen ein guter Kämpfer geworden?"
Aditus Stimme war leise, doch Arson hatte inzwischen gelernt, den neugierigen Unterton in den sorgsam artikulierten Worten der Sitha herauszuhören. Er zuckte mit den Schultern.
"Ich bin besser als an dem Tag meiner Ankunft, doch dein Bruder besiegt mich noch immer mit Leichtigkeit. Meine Reflexe sind glaube ich schon gut, doch leider komme ich mit den Waffen deines Volkes nicht ganz zurecht, und mein eigenes Schwert ist für diese Art des Kampfes zu unhandlich."
-"Warum lässt du es nicht bearbeiten?"
Arson runzelte die Stirn.
"Bearbeiten?"
-"Natürlich." Aditu wandte den Kopf und blickte dem Paladin in die Augen. "Dachtest du, es gäbe keinen Schmied in Jao'y'tinukeda'ya?"
Wieder zuckte Arson mit den Schultern.
"Um ehrlich zu sein hatte ich tatsächlich nicht daran gedacht. Wofür braucht dein Volk einen Schmied? Ich habe hier kaum metallene Gegenstände zu Gesicht bekommen."
-"Dann hast du wohl die bronzene Tür und die zahlreichen Verzierungen auf den Kleidungen der Tempelwachen vergessen. Und auch unsere Waffen brauchen Metall. Hexenholz, wie ihr Menschen es nennt, besteht nur zum Teil aus magisch bearbeitetem Holz. Der andere Teil ist normaler Stahl."
"Oh." Mehr fiel Arson dazu nicht ein. Er kam sich wieder einmal ziemlich töricht vor. Wieso war er nicht früher auf diesen Gedanken gekommen? "Und...wo kann ich diesen Schmied finden?"
Aditu beschleudigte ihre Schritte, löste sich jedoch nicht vom Arm des Paladins.
"Komm, ich führe dich zu ihm, doch zuerst sollten wir dein Schwert holen."
Gemeinsam begaben sich die beiden Gefährten bis zu jenem kleinen Tuchgebäude, in dem Arson die ersten Tage seiner Krankheit verbracht hatte. In einer Ecke, halbvergraben zwischen einigen Holzschalen, fand der Krieger sein Schwert samt Scheide. Als er sich den breiten Waffengurt um die Hüfte band, kam ihm das Gewicht der Waffe seltsam ungewohnt vor. Noch immer hatte der Gedanke, schon seit etwa einem vollen Monat keine Waffe mehr am Gürtel getragen zu haben, etwas merkwürdig Surreales an sich. Es gab doch tatsächlich noch einen Ort auf der Welt, an dem Worte wie Krieg, Leid und Verbrechen nicht mehr als leere Hüllen waren, deren wahre Bedeutung sich hier lediglich in den Erinnerungen der ältesten Stadtgründer offenbarten. Arson hoffte, dass die Heimstatt der Sithi niemals mehr von anderen Mächten angetastet werden würde.
Langsam richtete sich der Paladin wieder auf, verließ das kleine Zimmer, um sich erneut von Aditu durch die Stadt führen zu lassen. Sie überquerten mehrere Bäche, passierten den zentralen Tempelhügel und erreichten schließlich ein abgelegenes, mittelgroßes Tuchgebäude, an dessen rechter Flanke sich allerdings ein breiter Anbau aus glänzend weißem Stein befand. Arson lächelte. So schön die Häuser der Sithi auch waren, feuerfest schienen sie jedenfalls nicht zu sein. Gemeinsam mit seiner Gefährtin trat der Krieger Innos' durch den gewölbten Torbogen, blieb einen Moment stehen, als ihm die heiße Schmiedeluft ins Gesicht schlug. Der Anbau bestand aus einem einzigen großen Raum, an dessen Wänden mehrere Kohlebecken ausgestellt worden waren. Bläuliche Flammen züngelten zwischen den schwarzen Brocken hervor, grauer Rauch stieg durch rechteckige Abzüge gen Decke der riesigen Felsenhöhle, in der die Sithi ihre Stadt erbaut hatten. An einem der Becken stand ein Sithi, das schwarze Haar zu einem schmalen Zopf zusammengebunden, die feinen Hände in glänzende Handschuhe gehüllt, die ihm bis über die Ellenbögen reichten. Er hatte den Paladin und seine Sithabegleiterin bereits bemerkt und trat nun an sie heran. Silbrig-graue Pupillen musterten den Menschen.

"Ah, du musst der Sterbliche sein. Sei gegrüßt, ich bin Benayha, der Schmied." Die sanfte Stimme des Sitha wollte nicht so recht zu dem harten Handwerk passen, das er angeblich ausübte. Trotzdem neigte Arson grüßend den Kopf.
"Es ist mir eine, deine Bekanntschaft zu machen. Ich bin gekommen, um dich zu bitten, eine Waffe für mich zu bearbeiten, edler Benayha, damit ich mich in der Kunst des Klingentanzes verbessern kann."
Das schmale Gesicht des Schmiedes verzog sich zu einem Lächeln.
"Ah, du übst dich also im Klingentanz, ein lobenswertes Unterfangen. Was kann ich für dich tun?"
Der Paladin löste den Gurt von seinen Hüften und übergab ihn an den Sitha.
"Ich fürchte, die Schwerter eures Volkes sind zu leicht für mich, doch meine eigene Klinge ist für die Kunst dieses Kampfes wiederum zu unhandlich. Liegt es in deinem Vermögen, diese Waffe zu bearbeiten, sie schlanker zu machen, auf dass sie den Sithischwertern ähnelt, sich in ihrem Geicht jedoch von ihnen unterscheidet?"
Benayha zog das Schwert aus der Scheide und wog es prüfend in der Hand.
"Eine klobige Waffe, in der Tat, doch nicht völlig nutzlos. Ich kann sie bearbeiten, wenn du es wünschst." Der Schmied lächelte wieder. "Es wäre interessant, einen Menschen im Si'injan'dre kämpfen zu sehen. Wenn du morgen wiederkommst, wird sie bereit sein."
Arson neigte den Kopf.
"Ich danke dir, und hoffe, eines Tages im Haus der Spiele auftreten zu dürfen."
Vor der Tür erwartete ihn Aditu. Sie hatte sich eine leuchtend gelbe Blume in ihr Haar gesteckt und blickte hinaus auf einen der schmalen Bachläufe. Der hochgewachsene Krieger trat neben sie.
"Der Schmied ändert meine Klinge."
-"Das ist gut." Die Sitha wandte den Blick nicht von dem plätschernden Wasserlauf, sondern lehnte sich einfach nur gegen die Schulter des Mannes. Schweigend starrten sie in das sprudelnde Nass, beobachteten die komplizierten Formen der kleinen Strudel und Wellen, lauschten dem zwitschernden Gesang der Vögel. Wieder einmal wurde Arson bewusst, wie schön die Stadt des ewigen Sommers war, ihre Bauwerke, ihre Umgebung, jeder einzelne Grashalm war um so vieles perfekter als selbst die prächtigsten Siedlungen der Menschen. In Augenblicken wie diesen stellte Arson sich vor, seine eigene menschliche Natur einfach hinter sich zu lassen, sie abzustreifen wie eine alte Haut, um selbst zu dem zu werden, was er am meisten bewunderte. Ein Sitha...
11.06.2003, 16:19 #23
Arson
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Die Zeit verstreicht....
Langsam begann sich das Amphitheater zu füllen.
Immer mehr ruhige, gelassen daherschreitende Stihi traten aus dem hochgewölbten Eingangskorridor, stiegen die breiten Stufen der Marmortreppen empor und verteilten sich auf die zahlreichen Zuschauerränge. Schon jetzt war der riesige steinerne Rund nicht mehr weiß, sondern angefüllt von dutzenden leuchtend schönen Farben.
Arson lehnte sich auf seinem marmornen Sitz zurück und betrachtete die Szenerie. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Amphitheater, konnte er die Ehrenplätze der Gründer ausmachen. Anders als die normalen Ränge waren jene Sitze mit einem Baldachin aus goldener Seide überspannt, sieben reich verzierte Stühle aus weißem Holz waren aufgestellt worden, ein jeder flankiert von dem knatterndem Wimpel seines Hauses. Wenn Arson nach unten sah, hatte er einen guten Blick auf den Arenakreis. Noch war die grasbewachsene Turnierfläche leer, aber dies, da war der Paladin sich sicher, würde sich schon bald ändern. Er war gespannt auf die Kämpfe der Klingentänzer.

"Gibt es eigentlich einen Preis für den Gewinner?"
Arson hatte den Kopf gedreht und sah zu seiner Sitznachbarin Aditu hinüber. Die schöne Sitha hatte sich zur Feier des Tages in ein langes, mildrosafarbenes Kleid gehüllt, welches sich wunderbar mit dem Glanz ihrer Haare ergänzte. Fast ohne es selbst zu merken fuhr der Menschenkrieger sich durch den eigenen, pechschwarzen Schopf. Seit seiner Ankunft in Jao'y'tinukeda'ya hatte er sorgfältig darauf geachtet, seinen Kopfwuchs nur an den Spitzen zu stutzen, so dass ihm das Haar inzwischen fast bis zu den Hüften reichte und damit den Schöpfen der Sithi glich. Durch das intensive Training im Si'injan'dre hatte sich auch die Statur des Paladins verändert, die dicken Muskelpakete waren abgeschwollen, die Bewegungen geschmeidiger. Doch auch mit einem deutlich hagereren Körperbau als zuvor war der Kämpfer doch immer noch deutlich breiter als die Sithimänner, deren gertenschlanke Leiber keinerlei Muskelpakete erkennen ließen. Arson vermutete, einem solchen Mann ohne größere Probleme die Wirbelsäule brechen zu können, sollte er die Möglichkeit dazu erhalten. Tatsache war aber auch, dass die Sithi von so enormer Gewandtheit waren, dass es beinahe unmöglich war, sie gegen ihren Willen in die Enge zu treiben und im Kampf zu stellen. Zumindest ohne vorherige Ausbildung in der Kunst des Klingentanzes.
"Der Preis des Siegers ist die Anerkennung seiner Kunstfertigkeit."
Aditu lächelte ihren Gefährten auf eine Weise an, die Arson an die Art erinnert, in der man ein kleines Kind anlächelt. Der junge Paladin nickte stumm und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Arenakreis zu. Die weitläufige Grasfläche war nicht mehr leer, zwei schlanke, in weißes Leder gekleidete Gestalten standen zwischen den massiven Steinklötzen, treten mit langsamen, gemessenen Schritten aufeinander zu. Stille senkte sich über das Haus der Spiele, die ohnehin sehr leisen Gespräche verstummten vollends, die blicke hunderter, silbrig glänzender Mandelaugen richtete sich auf das Zentrum der Arena, in dem die beiden Kontrahenten soeben ihre langen, gräulich-schwarzen Kampfstäbe hoben, um die sieben Gründer auf ihren Ehrenplätzen zu grüßen. Die Krieger wandten sich um, neigten das Haupt voreinander und sprangen ansatzlos nach vorn. Arson hielt den Atem an, während er den beiden Sithi gebannt dabei zusah, wie sie mit der typischen, atemberaubenden Anmut über die Steinquader sprangen, ihre Stäbe dabei sirrend durch die Luft wirbelten, ohne den Gegner dabei jedoch auch nur einmal zu treffen. Der Kampf erinnerte eher an einen perfekt einstudierten Tanz als an eine kriegerische Auseinandersetzung, immer wieder katapultierten sich die Sithi durch die Luft, schwangen ihre hölzernen Waffen dabei in geschmeidiger Vollendung, stießen nach ihrem Kontrahenten, der seinen schlanken Körper stets mit beeindruckenden akrobatischen Einlagen aus der Gefahrenzone brachte, nur um im Anschluss eine eigene Attacke zu starten. Jetzt, nachdem die Auseinandersetzung einige Minuten andauerte, konnte Arson die Einzelheiten erkennen. Er hatte diese Art der Waffenkunst bereits öfters geübt, war sich aber nicht wirklich sicher, ob er eine ähnliche Geschicklichkeit an den Tag legen konnte. Fest stand, dass er mit einem Stab soviel anfangen konnte wie ein Bär mit einer Kuchengabel.
Schnell und annähernd geräuschlos wogte der Kampf durch den gesamten Arenakreis, tobte mit hitziger Schweigsamkeit, bis er schließlich so ansatzlos stoppte wie er begonnen hatte. Einer der beiden Sithi war nach hinten gesprungen, hatte sich dabei gegen die sirrenden Attacken seines Kontrahenten zur Wehr gesetzt, der mit einem ähnlich eleganten Satz die Verfolgung des Flüchtenden aufnahm. Als sie sich vor einem der wuchtigen Steinquader erneut trafen, wirbelte der erstere mit einer Anmut herum, die selbst für Sithibegriffe höchst beeindruckend war. Gülden glänzendes Haar blitzte in der Sommersonne, der schwarze Stab zuckte nach von, um nur wenige Millimeter vor dem Halsansatz des zweiten Klingentänzers zu stoppen. Eine Sekunde der Stille folgte, dann wurden die Waffen gesenkt, die Sithi verbeugten sich abermals voreinander, wandten sich dann den Gründern zu, um abermals sie Stäbe emporzurecken. Arson wollte aus einer spontanen Eingebung heraus in die Hände klatschen, doch Aditu legte ihm augenblicklich die Finger auf die Handgelenke, bedeutete ihm so, still zu bleiben. Stattdessen öffnete sie den Mund, tat es damit sämtlichen Zuschauern innerhalb des Amphitheaters gleich, um in einen sanften Singsang zu verfallen. Sanft und fließend hallten die Töne durch den Arenarund, klar und lebendig wie das glitzernde Wasser eines kühlen Gebirgsbach, so unendlich schön, dass der junge Paladin unwillkürlich anfing zu lächeln. Dies war also die Art der Sithi, ihren Beifall auszudrücken.
Doch mit jeder Sekunde, die der Gesang andauerte, wurde Arson nervöser. Er wusste, was als nächstes kam. Fast ein halbes Jahr wartete er nun auf diesen Moment, hatte jeden der gleichmütig warmen Tage mit hartem Training verbracht, sich nach bestem Vermögen in der Kunst des Kampfes geübt, seine Kräfte in der Meditation im Yásira gesammelt, um heute, an diesem Tag des Feierns, das erste Mal zu zeigen, wieviel er gelernt hatte.
Der Beifall verebbte, und die beiden Klingentänzer verließen den Arenakreis. Stille kehrte ein, dann erhob sich am anderen Ende der Tribüne ein einzelner, in weißes Leder gekleideter Sitha von seinem Platz, und rief einen langen, fließenden Satz in der Sprache seines Volkes über die Ränge hinaus. Arson, der sowohl von Aditu als auch von Jiriki unterrichtet worden war, wusste inzwischen, was die komplizierten Silbenanreihungen bedeuten.

"Ich fordere den Sterblichen!"
Arson blickte zu Aditu hinüber. Die Sithidame lächelte ihm zu. Ein letztes Mal atmete der Menschenkrieger tief durch, dann richtete er sich auf, straffte seine Gestalt, und blickte entschlossen in das Rund. Er kannte die Prozedur, er hatte sie viele male erklärt bekommen.
"Wro'qui'nosej'dra!"
Ich nehme an.
War das wirklich eine gute Idee? Während Arson langsam die steinernen Stufen hinabschritt, kamen ihm leise Zweifel an seiner eigenen Kraft. Sicher, er hatte trainiert, aber bei Innos, das hier waren Sithi!

Angstvolle Gedanken, Narr, schalt er sich selbst. Er würde es schon überleben. Immerhin war er von Jiriki persönlich unterrichtet worden.
Das Gras war weich und nachgiebig unter den Sohlen der weißen Lederstiefel die der junge Paladin angelegt hatte. Wie sein Gegner war auch er in die leichte Rüstung eines Klingentänzers gehüllt, auch wenn sich Rock, Gurte und Armschienen bei ihm deutlicher abhoben als auf der ohnehin kreidebleichen Haut der Sithi. Langsam schritt er nun über die Turnierfläche, trat an einen der hohen Felsblöcke heran, an den man vor Beginn der Feierlichkeiten das stählerne Schwert gelehnt hatte, welches früher einmal die Klinge eines Paladins, nun aber das schwerere Abbild einer Sithiwaffe war. Die Klinge lag gut in der Hand, und als der Paladin sie prüfend um das handgelenk kreisen ließ, spürte er die beruhigende Vertrautheit, die ihn mit diesem Stück Metall verband.
Gelassen wartete er auf seinen Gegner, wandte sich dann der Ehrentribüne zu, um sein Schwert zum Gruß zu heben. Während er den Gründern seine Ehrerbietung zeigte, musterte er die Gesichter der uralten Sithi. Die meisten lächelten, Amerasu nickte ihm sogar wohlwollend zu, nur Drukhis Miene allein war so hart und verschlossen wie gewöhnlich. Der Mann würde sein Misstrauen den Menschen gegenüber wohl nie verlieren.
Arson drehte sich zu seinem Kontrahenten, blickte in das sanft lächelnde, von nussbraunen Haaren eingerahmte Gesicht eines hageren Sithikämpfers. Wie der Paladin war auch er mit einem Schwert bewaffnet, hielt die Klinge locker in der rechten Hand, während er höflich den Kopf neigte. Der Menschenkrieger tat es ihm gleich, spannte schon während sich sein Haupt senkte den gesamten leib, machte sich innerlich zum Sprung bereit, während seine Finger sich fester um den kühlen Griff des Schwertes schlossen.
Der Angriff des Sithis kam so ansatzlos wie erwartet. Blitzschnell schoss er vor, stieß das Schwert mit einer ruckartigen Bewegung nach vorn, traf jedoch nichts als leere Luft, da sein menschlicher Kontrahent sich bereits mit einem geistesgegenwärtigen Sprung aus der Gefahrenzone gebracht hatte. Die Welt vollführte eine schnelle Drehung, rutschte dann abrupt wieder in ihre Fugen zurück, als Arsons Stiefel mit einem sanften Klacken auf der breiten Oberfläche eines mächtigen Steinklotzes aufsetzten. Sein Schwert schoss nach oben, sirrte in einer sichelförmigen Drehung um den Körper des Paladins, um anschließend einem zuckenden Blitz gleich auf den nachfolgenden Sithi zuzusausen. Selbiger bog in die Wirbelsäule in einem beeindruckenden Ruck nach hinten, ließ die Klinge des Menschen nur Millimeter über seiner schmalen Brust durch die Luft zischen, bevor er noch in der selben Bewegung mit dem freien Arm auf den Boden fasste, seine Beine nach oben riss, sich selbst in den Handstand zu schwingen und die Füße auf der anderen Seite seines Standarms wieder auf den Boden zu setzen. Die Hexenholzwaffe wirbelte durch die Luft, stieß nach Arsons Gesicht, nach Brust und nach den Beinen. Der Paladin bewegte sich wie im Traum. Ansatzlos war sein Geist in jenen berauschenden Zustand des Kampfes übergegangen, der den Rest der realen Welt aus seinen Wahrnehmungen ausschloss, ihn selbst in einem adrenalinschwangeren Universum der Anspannung einschloss, einer eigenen, kleinen Sphäre, in der es nichts gab ausser den zuckenden Bewegungen seines Gegners und dem eigenen, schweißnassen Körper. Schnell und geschmeidig wich Arson den Attacken seines Kontrahenten aus, stieß sich abermals vom Boden ab, zog seinen Leib zu einem ball zusammen, drehte sich mehrmals in der Luft, um sich dann einer Blüte gleich zu entfalten und lautlos auf einem benachbarten Marmorquader aufzusetzen. Ansatzlos knickten seine Beine erneut ein, wieder sprang er hoch, das Schwert kampfbereit neben seinem Körper haltend, um den Kontrahenten durch einen wohlgezielten Angriff aus der Luft abzufangen. Auf dem Zenit ihrer Sprungbahnen trafen die beiden ungleichen Wesen aufeinander, Stahl traf auf Hexenholz, und das erste Mal seit Beginn der Kämpfe hallte das Geräusch einer Parade durch den stillen Arenakreis. Auf diesen Augenblick hatte der Menschenkrieger gewartet. Als er das nächste mal auf dem Boden aufsetzte, schoss er direkt auf seinen Kontrahenten zu, spannte jeden Muskel seines Schwertarmes und führte eine erneute Attacke. Und tatsächlich, der Sithi riss abermals die eigene Klinge nach oben, wehrte den Hieb mit seiner Klinge ab, musste jedoch, getrieben von der Wucht des Angriffs, einige Ausfallschritte nach hinten machte. Grimmige Befriedigung erfüllte den Paladin. Kraft. Dies war sein einziger Trumpf gegen die Kämpfer des Schönen Volkes. Würde er sich in jeder Beziehung auf ihre Technik einlassen, so wäre er hoffnungslos unterlegen, waren die schlanken Sithi doch naturgemäß zu sehr hohen Sprüngen und unglaublich gelenkigen Ausfallaktionen fähig. Er als Mensch hingegen musste alles daransetzen, den unsterblichen Gegner in einen direkten Kampf zu verwickeln, ihn zwingen, die eigene Waffe zu benutzen, um ihn mit der überlegen Körperkraft aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Wieder stieß Arsons Klinge nach vorn, wieder wurde sie pariert. Der Sithi wich weiter zurück, seine Beine knickten ein, nur um sich einen Lidschlag später wieder zu strecken. Anmutig flog er durch die Luft, landete auf dem weichen Grasboden - und strauchelte. Der Paladin folgte ihm auf dem Fuße, seine Lederstiefel setzten im Arenakreis auf, die sehnigen Muskeln spannten sich, sammelten die Energie für einen weiteren, verheerenden Angriff, dann schoss der braungebrannte Leib nach vorn, die Schwerthand wurde kraftvoll hochgerissen, raste mit tödlicher Präzision auf den aus dem Stand gebrachten Kontrahenten zu. Der Sithi hob die Klinge, doch Arson merkte noch während der Attacke, dass sein Angriff die Verteidigung des Unsterblichen durchbrechen würde wie ein Troll eine Papierwand. Schnell riss er das Schwert herum, änderte die Flugbahn nur um wenige Zentimeter, bewahrte den Kontrahenten somit jedoch vor einer ernsthaften Verletzung. Stattdessen prallte die Stahlklinge wuchtig gegen die erhobene Holzwaffe, riss sie dem Sitha mit der Kraft eines Vorschlaghammers aus der Hand, ließ sie einer grauen Sichel gleich durch die Luft wirbeln. Sekunden absoluter Stille folgten, sowohl Arson als auch sein Gegner waren zu Steinsäulen erstarrt. Einige Meter hinter ihnen grub sich das Sithischwert schabend in den Grasboden. Grüne Menschenpupillen trafen auf silbrige Sithiaugen, erfreute Überraschung maß sich mit mildem Unglauben, dann entspannten sich die beiden Krieger, legten die Hände an die Körperseiten und verbeugten sich respektvoll voreinander. Arson lächelte dem Unsterblichen zu, der sein Lächeln erwiderte.

"Du bist stark, Sterblicher. Das nächste Mal werde ich es wissen."
-"Es wäre mir eine Ehre, meine Kräfte erneut mit dir messen zu dürfen."
Die beiden Klingentänzer drehten sich um, blickten zur Ehrentribüne hinüber und entsandten den Gründern ihren Gruß. Die Münder der Sithi öffneten sich, und wieder ertönte jene atemberaubend sanfte Tonfolge, die sowohl den Sitha als auch den siegreichen Menschen ehren sollte. Arson konnte nicht anders, sein Mund verzog sich zu einem fröhlichen Lächeln, während er sich abermals verbeugte, das glänzende Schwert noch immer in den Händen haltend. Bei allen Göttern dieser wundervollen Erde, hier stand er, im Arenakreis der Sithi, und ließ sich von der Menge besingen. Seine kühnsten Träume hätten ihm dieses Schicksal nicht ausmalen können. Er hatte den Unsterblichen gezeigt, dass das Geschlecht der Menschen sich durchaus mit dem des Schönen Volkes messen konnte, und er hatte sich gleichzeitig den Titel eines Yakh-Huyeru verdient. Der Paladin wusste fast nicht, worüber er sich mehr freuen sollte, entschied sich schließlich jedoch für Letzteres. Während er langsam aus dem Arenakreis schritt, überkam ihn die Erinnerung an vergangene Zeiten. Wenn seine Eltern ihn doch sehen könnten! Sicher wäre sein Vater stolz auf ihn, ein Mann, der sich unter Sithi behaupten konnte. Einskaldir hätte ihn nun sicher zu einem großen Krug Bier eingeladen, um seinen Sieg zu feiern. Hach, wenn sie doch nur alle hier sein würden!
Arsons Lächeln bekam einen melancholischen Hauch. Es gab einfach zuviele Entscheidungen im Leben, zu viele Gabelungen, an denen er Dinge zurücklassen musste, die ihn lieb und teuer geworden waren. Trotzdem war er froh, in der Stadt des ewigen Sommers zu leben, und würde freiwillig auch niemals mehr zur Oberfläche zurückkehren wollen. Er hatte hier alles gefunden, wonach er sein Leben lang gesucht hatte, Seelenfrieden, Ruhe und sogar...ja, was eigentlich? Der Paladin dachte an Aditu. War es Liebe? Freundschaft? Vielleicht eine Zwischenstufe? Er wusste es nicht, aber egal was es war, es machte ihn glücklich. Für keinen Preis der Welt hätte er die junge Sitha zurücklassen wollen, und auch wenn ihm die Stimme der Vernunft sagte, dass er einer anderen Art als sie angehörte, so gab es dennoch irgendwo in seinem Hinterkopf die naive Hoffnung, eines Tages doch mit der wunderschönen Sithifrau vereint zu sein. Und welcher Ort der Welt war besser für Träume und Wunschdenken geeignet, als Jao'y'tinukeda'ya, die Stadt der Wunder?
14.06.2003, 16:14 #24
Arson
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Am selben Abend...
Langsam schlenderte Arson über die verlassenen Kieswege der Stadt des ewigen Sommers, eine einsame Gestalt im dämmrigen Dunkel der gewaltigen Kuppelhöhle. Längst war das gelbliche Gleißen der warmen Energiekugel über dem Tempelberg zu einem blassweißen Glimmen abgeschwollen, simulierte nun die kühle Finsternis einer Mondnacht. Das lebhafte Zwitschern der Vögel war dem leisen Zirpen der im weichen Gras hockenden Grillen gewichen, bildete zusammen mit dem flüsternden Rauschen der sanften Sommerbrise in den Blättern eine ruhige Geräuschkulisse, die die Erhabenheit dieses magischen Ortes auf dezente Weise unterstrich.
Arson mochte die Klänge der Nacht. Oft war er in den letzten Monaten zu ähnlichen Spaziergängen aufgebrochen, um stundenlang in der Dunkelheit umherzuwandern und über sein Schicksal, den Lauf der Welt und das Leben im Allgemeinen nachzudenken. Um diese Zeit waren sämtliche Sithi bereits in ihre Häuser eingekehrt, um den Tag dort im Schein sanft glühender Kristallbrocken, der die Tuchgebäude des Schönen Volkes in blinkende Lichtpunkte innerhalb des allumfassenden Dunkels der Nachthöhle verwandelte, ausklingen zu lassen.
Heute jedoch dachte der Paladin weniger über die tiefsinnigen Fragen der Existenz nach, sondern erfreute sich einfach an dem Gedanken, seinen ersten Kampf in Si'injan'dre gewonnen zu haben. Noch immer konnte er die wundervollen Tonabfolgen hören, mit denen die Zuschauer auf den Rängen ihren Beifall zeigten, noch immer spürte er jene elektrisierende Anspannung in jeder Faser seines Körpers, die ihn durchflutet hatte, als er seinem Kontrahenten das Schwert aus den Händen schlug.
Schweigend grinste Arson in die Nacht. Ja, es war ein großartiger Augenblick gewesen, einer jener Momente, die einen Menschen über die Grenzen seines eigenen Wesens hinaushoben, ihn für die Dauer eines Lidschlages in die höchsten Höhen erhoben, um ihn dann, gestärkt in Charakter und im Willen, wieder in die Sphären der Erde zurückschickten.
Doch trotz allem war es ein anstrengender Tag gewesen. Der Kampf hatte große Kraft gekostet, Arme und Beine des sterblichen Klingentänzers schmerzten noch immer, voraussehbare Nachwirkungen der extremen Belastungen, denen sie in den Nachmittagsstunden ausgesetzt waren.
Dies war auch der Grund, warum Arson nun vor der schwarzglitzernden Fläche des ovalen Sees stand, der sich im westlichen Bereich der Höhle befand. Der sanfte Wind kräuselte die spiegelglatte Oberfläche des Wasserkörpers kaum, lediglich hier und da war ab und an eine Unregelmäßigkeit in der Reflexion der bleichen Mondkugel am Himmel zu erkennen. Ein Bad, ja, das würde nun genau das Richtige sein. Ohne Eile löste Arson die Schnallen seiner weißen Klingentänzerrüstung, legte Gurte, Rock und Stiefel ordentlich zusammen, um dann langsam in das kühle Wasser hineinzuwaten. Ein fröstelnder Schauer kroch das Rückrad des Paladins hinauf, dann hatte sich sein nackter Körper an die Temperatur gewöhnt, und der Menschenkrieger beugte sich vor, um einige Hände voller Wasser zu schöpfen und sich das kühle Nass über Brust und Schultern zu spritzen. Wieder einmal fragte er sich, woher dieses Wasser überhaupt kam. Unterirdische Flüsse? Künstlich angelegte Rinnen? Oder vielleicht...

"Oh, hier bist du."
Wie von einer Biene gestochen fuhr Arson herum, blickte die bleiche Gestalt am Ufer des Sees mit vor peinlich berührter Überraschung geweiteten Augen an. Allein der Klang der Stimme hatte ausgereicht, um dem Paladin zu sagen, wer ihn gerade bei seinem nächtlichen Ausflug ins Wasser störte, doch trotzdem zuckte der hochgewachsene junge Mann erneut zusammen, als sein Blick das zarte, wunderschöne Gesicht einer gertenschlanken Sithidame erfasste. War es Belustigung, die die silbrigen Augen der Sitha zum Funkeln brachte? Panisch schaute Arson an sich herab, nur um anschließend ein stummes Gebet des Dankes an alle Götter dieser Welt zu schicken, als er die spiegelnden Wasserfluten sah, die seinen Leib bis knapp unter den Bauchnabel umspülten. Deutlich erleichtert hob er den Kopf.
"Ich..ähhh...wollte noch baden..."
Aditus linke Braue hob sich, das gelassene Lächeln wurde um eine Winzigkeit breiter.
"Du badest mitten in der Nacht?"
-"Nunja..." Der Paladin duckste ein wenig herum. "...abends ist das Wasser...angenehmer."
Die Sithifrau, schaute ihn weiter mit ihrem undeutbaren Gesichtsausdruck an, trat dann zu Arsons großer Beunruhigung näher an das Seeufer heran.
"Wirklich? Das möchte ich ausprobieren."
Der Menschenkrieger spürte, wie sein Herz einen schmerzhaften Sprung machte, als seine Gefährtin ihr dünnes Seidenkleid mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung löste. Mit einem leisen Rascheln glitt der Stoff an ihren Körper herunter, um dann nahezu lautlos in das weiche Gras zu sinken. Arsons Körpertemperatur stieg ins Unermessliche, sein Kopf nahm die Farbe einer überreifen Tomate an und er fürchtete, dass sich jeden Moment zischende Schwaden verdampften Wassers um seinen Leib kräuseln müssten, so glühend heiß war ihm zumute, während er seine Augen vergeblich von dem Anblick der nackten Sitha zu lösen versuchte. Innos sei tausendmal für das Wasser gedankt, würde der See an dieser Stelle auch nur einen Zentimeter seichter sein, so stünde der Paladin nun vor einem wirklichen Problem.
Mit offenem Mund und einem Amok laufenden Herzmuskel sah Arson seiner Gefährtin dabei zu, wie sie an das Ufer herantrat, sich langsam hinunterbeugte, um sich glitzernde Wassertopfen aus hohlen Händen über ihren makellosen Körper zu sprenkeln. Erst als das kühle Nass über sämtliche ebenmäßig weißen Rundungen perlte, schritt die Sitha weiter in den See hinein, um sich dem reglos dastehenden Menschen lächelnd zu nähern.

"Du hast Recht, abends ist es wirklich angenehmer."
Arson konnte nur stumm schlucken. Aditu stand nun direkt vor ihm, er konnte die Wellen spüren, die jede ihrer Bewegungen im Wasser verursachten, roch den Duft ihres Haares, sah das Spiel des Mondlichtes auf ihrem glitzerndem Körper. Seine Hände zitterten, seine Muskeln waren verkrampft, während ein kleiner Dämon innerhalb seines Kopfes um die Kontrolle über seinen Leib kämpfte.
Der Drang, sie zu berühren, sie einfach an sich zu reißen und mit ihr zu machen, was er schon so lange mit ihr hatte machen wollen, war fast übermächtig. Sie waren allein, niemand würde es bemerken. Sie war zu nah, um sich ihm entziehen zu können, und hatte er sie ersteinmal gepackt, konnte sie seiner Kraft nicht mehr entrinnen.
Der Menschenkämpfer schloss die Augen. Nein, er würde nichts dergleichen tun. Er war ein heiliger Krieger, er hatte sein Leben dem Licht verschrieben. Er würde dieser Frau kein Leid antun.
Leider schien die Sitha regelrecht danach zu verlangen, dass Arson die Kontrolle verlor.

"Wolltest du baden, oder wolltest lediglich im Wasser herumstehen?"
Aditus Lächeln war von solch einer Schönheit, dass Arson sich fragte, ob es nicht zu viel für seinen sterblichen Geist sein würde, die Sitha weiter anzusehen. Andererseits, hatte er eine Wahl?
Bevor er eine Antwort geben konnte, hatte die Dame ihre nackten Arme auf seine Schultern gelegt und drehte ihn mit sanfter Bestimmtheit herum, so dass er nun mit dem Rücken zu der Sitha stand. Feingliedrige Finger strichen ihm durch das lange Haar.

"Dein Schopf ist nun schon beinahe so lang wie der meines Bruders. Du wirst immer mehr zu einem von uns, mein süßer Arson."
Langsam fuhren die Finger Arsons Wirbelsäule entlang, glitten dann über die Seiten, um zwischen den Armen des Paladins hindurchzugreifen und über die bebende Brust des Kriegers zu streicheln. Bei jeder Berührung der Sithifrau zuckte ein komplettes Universum voll gleißender Hitze durch den Leib des Mannes.
"Deine Muskeln sind größer als die der Sithimänner. Ihr Menschen seid wirklich sehr stark."
Aditu legte ihren Kopf von hinten auf Arsons Schulter, so dass der süße Atem der Sitha über Ohr und Wange des heiligen Streiters strich.
"Du hast wirklich gut gekämpft. Und du hast gewonnen." Aditus Stimme senkte sich zu einem leisen Flüstern, sanft und verführerisch wie ein Frühlingshauch.
"Erinnerst du dich, dass du mich gefragt hast, welchen Preis der Sieger eines Kampfes erhält?"
Dem Paladin drohte schwarz vor Augen zu werden. Laut rauschte das Blut in seinen Ohren, das Herz pochte wie verrückt, schien jeden Augenblick aus der Brust des Mannes springen zu wollen. Nur unter Mühe schaffte er es überhaupt, seinen Mund zu öffnen und einen halbwegs artikulierten Laut von sich zu geben.
"Ja..."
Aditus Hände waren zwei elektrisierende Schlangen der Verführung, deren liebkosende Berührungen sich nun langsam dem Wasserspiegel entgegensenkten.
"Soll ich dir zeigen, welcher Preis für dich bestimmt ist, mein starker Mensch?"
Arson keuchte auf. Um ihn herum begann sich die Welt zu drehen, verwandelte sich in einen gleißenden Kreisel der Erregung. Bevor auch der letzte Rest seiner keuschen Zurückhaltung unter den massiven Attacken der Sitha zusammenbrach, schaffte er es noch ein letztes Wort zu hauchen.
"Jaaa...."
Das Universum zog sich zusammen zu einem einzigen Gefühl unendlich verdichteter Lust, eine Springflut der Ekstase, in der Arsons Geist nicht mehr war als ein haltlos dahintreibender Ast. Der Paladin hatte sein ganz persönliches Paradies gefunden. Jetzt würde ihn selbst der Tod nicht mehr schrecken können…
15.06.2003, 13:41 #25
Arson
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"Anna'dai, Arson!"
Mit einem anmutigen Satz sprang Jiriki nach hinten, brachte sich somit aus der Trefferzone des heransausenden Stahlschwertes. Nahezu lautlos setzte er einige Meter hinter seinem vorherigen Standpunkt auf dem Arenaboden auf und hob beide Hände zu einer beschwichtigenden Geste.
"Du brichst mir meine Hände."
Arson ließ seine Waffe sinken und starrte den lächelnden Sitha mit leicht verlegenem Gesichtsausdruck an. Hatte er tatsächlich so hart zugeschlagen?
"Entschuldige bitte, ich war...in Gedanken."
Jiriki stellte sein Schwert im Schatten eines Marmorfelsens ab und trat an den Menschenkrieger heran.
"In Gedanken? Hatten sie vielleicht etwas mit meiner Schwester zu tun?"
Das entwaffnende Lächeln des Unsterblichen trieb dem Paladin die Schamesröte ins Gesicht. Bei allen Göttern, wieso schien eigentlich jeder über die Liebeleien zwischen Aditu und ihm Bescheid zu wissen? Seit jener nächtlichen Seebegegnung vor einigen Wochen hatte es sich mit blitzartiger Geschwindigkeit herumgesprochen, dass die Sithifrau allem Anschein nach nicht nur rein geistig an dem sterblichen Krieger interessiert war. Umgekehrt war der Fall ebenso klar, längst hatte Arson sich eingestanden, dass er sich in Aditu verliebt hatte. Die wunderschöne Sitha hatte ihn vom ersten Tage an mit ihrer Art verzaubert, ihre grazile Anmut, die überirdische Schönheit und die offensichtlich überragende, erhabene Intelligenz, die jedem Mitglied des Schönen Volkes zu eigen sein schien machten sie für den auf dem Gebiet der Liebe völlig unerfahrenen Arson zu einem Sinnbild für das perfekt Weibliche, Unerreichbare. Nur dass der Krieger es eben doch erreicht hatte. Arson lächelte. Warum sollte er sich dafür schämen?
"Ja, in der Tat, das hatten sie."
Jiriki lachte, begann dann langsam auf den von riesigen Säulen flankierten Ausgangskorridor zuzuschreiten. Der Menschenkämpfer steckte sein Schwert in die Scheide und gesellte sich zu ihm. Schweigend spazierten sie über die blankpolierten Marmorfliesen, lauschten dem leisen Flappen der Seidenwimpel, während das durch die hohen Seitenfenster hereinfallende Licht ihre langen Haarschöpfe glänzen ließ. Schließlich war es Jiriki, der die Stille mit seiner sanften Stimme durchbrach.
"Mondblüte ist noch sehr jung, für unsere Begriffe gerade erst dem Kindesalter entwachsen."
-"Das ist mit bewusst, sie hatte es mir gegenüber erwähnt. Nun, ich bin ein Mensch, und obwohl ich für die Begriffe meines Volkes schon längere Zeit ein Mann bin, so bin ich doch deutlich jünger an Jahren als deine Schwester."
Jiriki nickte.
"Ich wollte damit auch nicht andeuten, dass du und sie nicht zusammen sein dürft. Im Gegenteil, es freut sowohl mich als auch Erste Großmutter, dass du dein Glück in Jao'y'tinukeda'ya gefunden hast. Allein Drukhi sieht dir noch immer mit Misstrauen entgegen, aber lass dich davon nicht abschrecken. Du hast bewiesen, dass du würdig bist, an diesem Ort zu leben."
Die beiden Gefährten erreichten das Ausgangsportal und schritten hinaus in den warmen Sonnenschein der Sommerstadt. Der schlanke Klingentänzer deutete eine leichte Verbeugung an.
"Ich muss dich nun verlassen, Amerasu wünscht meine Anwesenheit bei den Planungen der nächsten Spiele. Auf bald, und vergiss bitte niemals, wer du bist. Ein Yakh-Huyeru, einer der Unsrigen."
Arson erwiderte die Verbeugung, verabschiedete sich höflich von seinem Waffenbruder, um seinen Weg dann allein fortzusetzen. Er konnte es nicht verhindern, dass sich ein schmales Lächeln auf seine Züge stahl. Jiriki hatte ihn als einen der Ihren bezeichnet. Ein Klingentänzer. Ein Bürger Jao'y'tinukeda'yas. Er sollte Aditu davon erzählen, die Sithidame würde es sicher ebenso erfreuen wie ihn.
Der Paladin beschleunigte seine Schritte, überquerte eine reich verzierte Marmorbrücke, folgte einem der glänzend weißen Kieswegen, beobachtete das Spiel der glitzernden Bachläufe und pflückte schließlich eine himmelblaue Blüte, die er im Schatten einer schlanken Birke entdeckte. Das Haus der Familie Hekh-Asor war nun nicht mehr weit, und Arson legte die letzten Meter in fröhlicher Erwartung zurück, während er die Blume zwischen den Fingern drehte. Er würde sie Aditu in ihr weiches Haar stecken, und ihr dann von Jiriki erzählen. Vielleicht würde die Sitha dann sogar...
Der fließende Klang zweier melodischer Sithistimmen riss ihn aus seinen Gedanken. Er stand nun lediglich einen halben Meter vor der Türöffnung des weitläufigen Tuchgebäudes, konnte die größtenteils natürlich gewachsene Einrichtung der großen Eingangshalle bereits erkennen. Ebenso sah er die Schatten zweier Sithi. Vorsichtig trat Arson an eine der Tuchwände und lauschte. Er wollte die beiden Unsterblichen in ihrer Konversation nicht stören, doch die Tatsache, dass die Wände des Hauses lediglich aus hauchzarter Seide bestanden, machte es unmöglich, die Worte der Sithi
nicht zu hören. Der junge Paladin wusste bereits, wer sich dort unterhielt. Niemals würde er den Klang der weiblichen Stimme verwechseln, sie begleitete den Menschenkrieger Tag und Nacht, zu jeder Sekunde seines Lebens, unzählige süße Erinnerungen hafteten an ihr. Sie gehörte Aditu. Die zweite, deutlich getragenere Stimme identifizierte der Paladin als die von Shisaeya, Drukhis Gemahlin und Mitglied der sieben Gründer. Selbstverständlich wurde die Konversation in der Sprache der Sithi geführt, doch Arson war ein gelehriger Schüler gewesen. Er verstand die Worte der beiden Frauen ohne sonderliche Mühen.
"...aber Urgroßmutter, er ist wirklich faszinierend."
-"Er ist ein Mensch. Du weißt, er ist sterblich."
Aditu lachte. Arsons Miene verfinsterte sich. Irgendetwas gefiel ihm nicht an der Tonlage des Lautes.
"Ja, ich weiß, aber er ist stark und ungestüm. Die Männer unseres Volkes sind so...bedächtig. Ich mag seine Leidenschaft."
Stoff raschelte, als die beiden Unsterblichen durch den Raum schritten. Arson strengte seine Ohren an.
"Ja, ich kenne die Sterblichen nur allzu gut. Ihre Leidenschaft ist gefährlich. Ich möchte nicht, dass du ihm falsche Hoffnungen machst, Aditu."
Wieder dieses glockenhelle Lachen. Dem Paladin lief ein kalter Schauer über den Rücken.
"Du weißt nicht, wie er ist, Urgroßmutter. Er ist so süß, er macht alles für mich. Er ist wie ein zahmer Bär, und ich möchte ihn behalten."
-"Er wird altern, und er wird sterben. Seine Kraft ist nur von kurzer Dauer."
"Dann sollte ich diese Zeit nutzen, nicht wahr? Es wird sicher schwer, einen neuen Menschen zu finden. Sie kommen so selten hier her..."
Shisaeya setzte zu einer Antwort an, doch Arson hörte sie nicht mehr. Er hatte genug gehört, vielleicht mehr, als gut für ihn war. Vor seinen Augen verschwamm die Welt hinter einem Schleier aus Tränen. Ein Haustier...ein zahmer Bär...das war er also... Der Paladin konnte sich nicht mehr beherrschen, ruckartig wandte er sich ab, rannte den Kiesweg herab, sprang über die Bachläufe, wich den vorbeiflanierenden Sithi dabei nur notdürftig aus. Die mild überraschten Blicke bemerkte er dabei nichteinmal. Er musste weg, er musste alleine sein.
Vor Anstrengung keuchend erreichte er das winzige Tuchhaus, in dem er vor vielen Monaten seine Wunden kuriert hatte, stürmte in rasender Verzweiflung durch die rechteckige Eingangsöffnung, um dann zitternd zusammenzubrechen. Auf Hände und Knie gestützt kauerte er im weichen Gras, den Kopf hielt er gesenkt, die feuchten Augen waren weit aufgerissen, Tränen fielen auf die saftig grünen Halme, perlten Tautropfen gleich an ihnen herunter. Ein gigantischer Wirbelsturm hatte Arsons Gedanken hinweggefegt, verworren kreisten sie nun in seinem zerrissenen Geist, während abgrundtiefe Verzweiflung in die neu geöffneten Wunden strömte, jede klare Entscheidung unmöglich machte. Der Paladin schluchzte, sein Körper spannte sich, seine Hände gruben hilflos in der weichen Erde, während Aditus Gelächter ihm einer dröhenden Glock gleich im Kopf läutete.
Ein Haustier. Er war ein Haustier, ein Spielzeug, ein lustiges kleines Wesen, gerade gut genug, die unsterbliche Sithidame zu belustigen. Ein schmerzhafter Stich zuckte durch die Brust des Kriegers, eine einzelne glühende Nadel bohrte sich in Arsons Geist, ihre Flammen leckten an seinen Gedanken, setzten sie einen nach dem anderen in Brand. Heißer Zorn mischte sich unter die alles erstickende Decke der Trauer.
Der schwache Schimmer von Gold ließ den Paladin aufblicken. Sein tränennasser Blick fiel auf etwas Kleines, Glänzendes, halbverborgen im hohen Gras, unweit der Stelle, an der er sein Schwert gefunden hatte. Arson griff danach.
Es war ein Ring. Sein Ring.
Mit bebenden Schultern hielt der Menschenkrieger das Kleinod vor sein Gesicht, starrte nachdenklich auf das kunstfertig eingravierte Wappen auf der Oberseite des Ringes. Eine stilisierte Sonnenscheibe, vor der sich zwei kleine Kampfschwerter kreuzten. Das Zeichen eines Paladins.
Arsons Miene verhärtete sich, der Tränenfluss versiegte, die Kiefermuskeln wurden gespannt. Was hatte Jiriki zu ihm gesagt? Er solle nicht vergessen, wer er war. Der Sitha hatte Recht, und doch irrte er sich auf schreckliche Weise.
Die Faust des heiligen Streiters schloss sich um den Ring, wurde an die nackte Brust gedrückt. Langsam kam Arson auf die Beine.
Wieder einmal hatte er einen Fehler gemacht. Er hatte tatsächlich vergessen, wer er war. Er hatte vergessen, wem er die Treue geschworen hatte, hatte seine Freunde, seine Brüder und Schwestern im Stich gelassen, um einem Kindertraum nachzujagen. Doch Innos, in seiner unendlichen Güte, gab ihm noch eine zweite Chance. Er würde ihn nicht enttäuschen.

"Ich weiß, wer ich bin."
Arson, Paladin des Königs. Arson, Verteidiger des wahren Glaubens. Arson, Krieger des Menschenvolkes.
Es war an der Zeit, für seine Fehler einzustehen, und das Unheil, das er vielleicht jetzt schon angerichtet hatte, wiedergut zu machen. Der hochgewachsene junge Mann wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht, trocknete seine Wangen und wartete, bis sein Pulsschlag sich wieder normalisierte. Als er das kleine Tuchhäuschen verließ, bewegte er sich mit der üblichen gelassenen Geschmeidigkeit, weder seine Haltung noch sein Gesichtsausdruck verrieten etwas von den Gedanken, die im Kopf des Menschenkämpfers ausgebrütet wurden. Freundlich nickte er einigen vorbeischreitenden Sithi zu, machte sich dann ohne Eile auf den Weg zur Residenz des Hauses Hekh-Asor, um seine liebste Aditu zu begrüßen.
An seiner Hand blitzte der goldene Ring der Paladine.
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